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23.07.2018 Persönlichkeitsentwicklung

Özil-Rücktritt: Eine Frage des Respekts

Einfache Antworten haben derzeit Hochkonjunktur. Der Vorteil: Schnell und schlicht, klare Maßnahmen sind abzuleiten. „Entlasst xy und alles wird gut.“ Der Nachteil: Meistens wird die Wirklichkeit vollkommen unzureichend abgebildet. Nach dem WM-Aus der Männerfußball-Auswahl des DFB sind Erklärungen gefragt. Allzu tief war der Absturz vom Weltmeister zum blamablen Letzten der Vorrundengruppe. Der Hauptsündenbock war schnell ausgemacht: Mesut Özil. Nach seinem Rücktritt schiebt sich das Thema Respekt in den Vordergrund – ein Lehrstück für den Umgang miteinander, auch im Unternehmen.

Was ist Respekt?

Respekt ist ein Wert, der das Leben ordnen kann. Je nach Reife der Menschen, wird dieser Wert aber höchst unterschiedlich verstanden.

In der frühesten Entwicklungsstufe der Erwachsenen – entsprechend dem normalen Level für 13-jährige – kann das dann etwa die Überzeugung sein, „dass man Leute meistens nicht respektieren kann, weil die meisten Leute keinen Respekt verdienen.“ (Donald Trump). Das Selbst- und Weltbild Trumps ist das eines Kämpfers beim ständig notwendigen Selbstschutz in einer feindlichen Umgebung. Es geht darum, zu siegen oder zu verlieren. Wer anderen Angriffsfläche bietet, verliert leicht – dementsprechend ist Respekt nur angebracht, wenn „es sich lohnt“.

Jeder Mensch kann auf dieses Niveau zurückfallen – einige kommen im ganzen Leben nicht darüber hinaus. Wenn nun ein 92-facher Nationalspieler zurücktritt, sollte Respekt das Mindeste sein. Özil wurde Weltmeister, war absolute Stammkraft im jahrelang höchst erfolgreichen Team. Als Fußballspieler wird er von vielen Fachleuten außerordentlich geschätzt, beispielsweise wurde er zwischen 2010 und 2017 fünf Mal „Nationalspieler des Jahres“ des DfB (nur dreimal nicht)!

Viele Kommentare fielen auch angemessen respektvoll aus. Im Gegenteil dazu trat Uli Hoeneß, Präsident des FC Bayern, als Lautsprecher der ganz anderen Art auf: „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt. Den letzten Zweikampf hat er vor der WM 2014 gewonnen. Und jetzt versteckt er sich und seine Mist-Leistung hinter diesem Foto (…) Seine 35 Millionen Follower-Boys, die es natürlich in der wirklichen Welt nicht gibt, kümmern sich darum, dass er überragend gespielt hat, wenn er einen Querpass an den Mann bringt. (…) Die Entwicklung in unserem Land ist eine Katastrophe. Man muss es mal wieder auf das reduzieren, was es ist: Sport. Und sportlich hat Özil seit Jahren nichts in der Nationalmannschaft verloren.“ Kicker

Eines ist vollkommen klar: Hoeneß lässt hier jegliche Form von Respekt vermissen. Jeder Satz ein Pauschal- und Frontalangriff. Wer so um sich schlägt, interessiert sich auch nicht mehr für Fakten. Beispielsweise hatte Mesut Özil im – wie es aussieht letzten – Spiel für die deutsche Nationalmannschaft eine Zweikampfquote von 62 Prozent. Knapp die Hälfte der Spieler waren weniger erfolgreich: Werner (33 %), Khedira (56 %), Reus, Hector und Süle (je 50 %) und Gomez (60 %). Natürlich passen auch die übrigen Pauschalurteile von Hoeneß überhaupt nicht (siehe auch – lesenswert! – den 11 Freunde-Artikel zum WM-Aus).

Liegt Hoeneß Respektlosigkeit daran, dass der FC Bayern München mehrfach (berichtet wird mindestens über 2010 und 2016) an einer Verpflichtung von Mesut Özil Interesse hatte? Kann schon sein, dass Hoeneß einen Korb von Özil erhielt und nicht darüber hinweg kam. Dies könnte erklären, dass Hoeneß der Respekt abhanden ging und er auf das erwähnte Teenager-Niveau zurück fiel. Er könnte aber auch immer dort sein. Solche Menschen sind in unserer Gesellschaft häufig sehr erfolgreich – Trump macht es vor. Skrupellosigkeit, der Wille zum Sieg und das Gespür für günstige Gelegenheiten sind ihr Erfolgsrezept – in einem Umfeld, das ihnen dies gestattet.

Respekt als Wert

In der menschlichen Reife-Entwicklung geht es weiter: Auf die vorkonventionelle Stufe, über die eben die Rede war, folgen drei konventionelle Stufen (ungefähr 12/38/30 Prozent der Menschen). In der ersten ist Respekt eng verbunden mit den Gruppennormen. Özil selbst erklärt – nach monatelangem Schweigen – das Foto mit dem (häufig höchst respektlosen) türkischen Präsidenten Erdogan mit seinem Respekt gegenüber seiner Herkunft (hier zum Nachlesen).

Interessant ist hier der Hauptgrund, der Menschen aus dieser ersten konventionellen Stufe hinaustreibt: Die Zugehörigkeit zu zwei Gruppen, die unterschiedliche Normen  haben. Die Zerissenheit der Deutschen mit Migrationshintergrund zwischen zwei Kulturen bzw. Ländern klingt hier an. Die zwei Gruppen könnten aber auch beispielsweise die Herkunfts-Familie und die Paarbeziehung bei Teenagern sein.

Es gibt in dieser ersten konventionellen Stufe jedenfalls keine gänzlich klare Abgrenzung von „Ich“ und „Wir“ – die Konzeption im Kopf ist immer ein „ich-wir“. Sichtbar wird das beispielsweise dann, wenn Menschen keine eigene klare Meinung vertreten, sondern sich immer erst orientieren, was denn die anderen von dem Fall halten. Oder wenn ihre Meinung letztlich immer identisch mit den Gruppennormen ist.

Die nächste Stufe der Persönlichkeitsentwicklung beginnt nun, sich wieder von diesen Gruppennormen abzuheben. Respekt könnte hier ein Konzept sein, das sozusagen noch in der Entwicklung steckt. Der Unterschied zwischen einem Wert, der für alle gilt und einem, der dem eigenen Interesse dient, wird hier häufig noch nicht klar entwickelt sein.

In der letzten konventionellen Stufe, der „Zielstufe“ unserer Gesellschaft, werden Werte zu einem Ordnungsschema fürs gesamte Leben. Spätestens jetzt wird auch klar, dass Respekt als Wert bedeutet, sich gegenseitig zu respektieren. Die Regel fürs richtige Verständnis von Respekt ist insofern unerbittlich: Wer Respekt einseitig definiert, akzeptiert Respekt nicht als Wert. Das Konzept von Respekt als Wert ist identisch mit der Gegenseitigkeit. Respekt gilt für einen selbst, wie für andere, für die eigene Gruppe wie für eine fremde Gruppe.

Auch im vorkonventionellen Bereich wird, wie wir gesehen haben, auch der Begriff „Respekt“ benutzt – aber gemeint ist etwas völlig anderes, als der hier beschriebene Wert. Klar wird das erst, wenn man tiefer gräbt, als nur die Oberfläche zu betrachten.

Respekt im Unternehmen

Wie verstehen Sie Respekt? Vorkonventionell und einseitig, d.h. nur zu Ihrem Vorteil? Sozusagen frühkonventionell – manchmal zu Ihrem Vorteil? Oder verstehen Sie Respekt als Wert, als übergreifendes, gegenseitig und auch für andere Gruppen geltendes Konzept? Und wie sieht es in Ihrem Unternehmen oder in Ihrer Organisation aus? Mal ganz abgesehen von der Migrationsdebatte um Özil und sein unsägliches Foto mit dem Herrscher Erdogan, seiner fehlenden Selbstkritik dazu und auch abgesehen von den Leistungen des DfB-Teams zuletzt, indem bei dieser WM weder Özil noch zahlreiche andere gefielen, finde ich es unglaublich schade, wenn dieser genial begabte Fußballer nun nicht mehr im DFB-Dress aufläuft.

Da geht es mir wie dem legendären Trainer Arsene Wenger. Er sagte (hier) über seinen Mittelfeldstar: „Wenn du Mesut auf dem Platz siehst und dich dann nicht in ihn verliebst, hast du keine Ahnung vom Fußball.“ Das gilt natürlich nur, wenn er auf der Höhe seines Schaffens ist. Wobei immer auch die Frage bleibt, wer im Team (Löw oder einer der zahlreichen Co-Trainer) welchem Spieler welche Rolle verordnet hat. Der DFB-Tross reist sogar mit eigenem Greenkeeper zu WM-Turnieren! Da sind einfache Erklärungen wirklich unterkomplex.

In jedem Fall hat Özil Respekt für seine langjährigen Leistungen verdient. Dann – und nur dann – mag es auch legitim sein, von Özil Respekt gegenüber Journalisten und Oppositionellen und anderen zu fordern, die unter Erdogan ohne Anklage in türkischen Gefängnissen eingesperrt werden oder für tausende entlassene Mitarbeiter staatlicher türkischer Institutionen.

Wie verstehen Sie Respekt? Und wie wird der Fall Özil in Ihrer Organisation diskutiert?

 

Ausgerechnet Özil ist sehr empfindlich, was Kritik angeht (wir sind ja alle unterschiedlich zart besaitet) – einer der Punkte, über die ich 2014 im Post „Personalentwicklung für Mesut Özil“ schrieb.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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