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02.05.2018 Karriere mit Charakter Karriereplanung Persönlichkeitsentwicklung Psychologie

Karriere: Was Sie von Jongleuren lernen können

Frühjahr, die Luft wird wärmer und lädt zu Aktivitäten im Freien ein. So können wir auch wieder vermehrt Kleinkünstler und Akrobaten in unseren Innenstädten bewundern. Wie schafft man es, mehr als zwei Bälle in nur zwei Händen zu haben? Jongleure beherrschen eine Kunst, die uns viel über das Leben und die Karriere lehrt – hochrelevant fast in jedem Moment unseres beruflichen Alltags.

Vom Entweder-Oder befreien

„Wie mache ich es am besten?“ ist eine Frage, die ich häufig höre. Wenn wir in der Karriereberatung herausarbeiten, dass ein Weg gut ist, kann ich häufig beobachten, wie der andere entwertet wird. Instinktiv neigen die meisten Menschen dazu: Wenn die eine Lösung gut ist, muss die andere schlecht sein. Dieses entweder-oder-Denken findet sich empirisch bei – wie vielen Menschen? Was würden Sie tippen? Natürlich sind wir alle in der Lage, ausnahmsweise dem sowohl-als-auch-Denken gerecht zu werden. Aber wie viele Menschen pflegen in der Regel die entweder-oder-Variante?

Die Forschung zur menschlichen Entwicklung liefert empirische Daten dazu, dass ungefähr 85 Prozent der Menschen im Entweder-Oder verhaftet sind. Ein erschreckendes Ausmaß, wenn man bedenkt, dass in unserer komplexen Zeit meist mehrere Optionen bestehen, die alle ihre Vorteile haben. Die meisten Jobs heute, erfordern im Grunde ein Abwägen, statt dem eindeutigen Urteil. Das passende Mindset für agiles Denken ist hier genauso gemeint, wie jede halbwegs anspruchsvolle Fach- und Führungsaufgabe.

Im entweder-oder gibt es aber durchaus Abstufungen. Es fängt bei solchen sehr groben Kategorien an, wie wir sie zum Beispiel bei Donald Trump beobachten können. Er trennt alle Welt in Freund oder Feind. Entweder er ist für Russland oder dagegen. Im Nah-Ost-Konflikt hob er die Balance auf, wie sie seine Vorgänger pflegten: Er reiste nach Saudi-Arabien, lobte das dortige Regime über den grünen Klee und kritisierte den Iran hart. Wer nicht nett ist, wird zum Feind. Sehr grobe Kategorien herrschen hier vor.

Einen qualitativ bedeutenden Schritt weiter stellt man fest, dass die Welt nicht nur aus netten Freunden und bösen Feinden besteht. Es gibt Freunde, die mal nicht nett sind und Feinde, mit denen man dennoch kooperieren kann. Das führt zunächst dazu, für ganze Gruppen zu unterscheiden: Wir oder die? Wer gehört dazu, wer nicht? Damit ersteht das entweder-oder-Denken in einer neuen Form. Vom krassen Freund oder Feind gelangt man dahin, die Signale auszuwerten, ob jemand „dazugehört“ oder nicht. Damit wird das Urteil ein Stück weit relativ: Auch vereinzelte abweichende Verhaltensweisen sind tolerabel, wenn die Grundlinie stimmt.

Einen – wiederum qualitativ enormen – Schritt weiter, hat man auch das Denken in Gruppennormen überwunden. Nun geht es eher rational zu. Die Frage ist: Welches ist die beste Lösung? Es kann nur eine geben! Menschen, die auf diese Weise rational unterwegs sind, verzetteln sich gerne mal bei ihrer Arbeit. Sie können rasch, zügig, zielorientiert vorgehen. Aber sie fragen sich selten, ob es noch ganz andere, bessere Lösungen gäbe, als die, an der sie gerade herumwerkeln. Erneut finden wir hier ein entweder-oder-Denken vor, das sich neu eingekleidet hat. Wie arbeite ich schneller und effizienter an der – einen – besten Lösung? Es gibt kein anderes Ziel, als das, was hier unmittelbar vorliegt, denken auf diese Art rationale Menschen. Die meisten von uns haben diese Herangehensweise verinnerlicht. Wir sind dann hervorragend geeignet, um Dinge abzuarbeiten. Aber dahinter zu blicken und zu erforschen, wozu man das eigentlich abarbeiten wollte, fällt schwer. Effizienz ja – Effektivität (noch) nicht.

Falls Sie es geschafft haben, das Effizienz-Denken zu überwinden, ist Ihre Welt nach Werten geordnet. Wiederum ein qualitativ bedeutender Sprung! Ziele werden danach hinterfragt, ob sie den eigenen Werten entsprechen. Dies eröffnet die Möglichkeit, effektiv zu arbeiten. Wenn Sie eine Aufgabe bearbeiten, bedenken Sie zugleich, wohin Sie dieses Ziel bringt. Man könnte sagen: Glückwunsch! Sie haben die Zielstufe unserer Gesellschaft erreicht! Sie verfügen über ein Mindset, das Ihnen das umsichtige Bewältigen vieler Fach- und Führungsjobs erlaubt.

Aber leider sind Sie immer noch im Entweder-Oder verhaftet. Denn Ihre Frage lautet: Dient Ihr Ziel Ihren Werten – ODER NICHT? Es scheint Ihnen wahrscheinlich komisch, dass diese Frage nicht mit einem klaren „Ja“ oder „Nein“ zu beantworten sein soll? Tja, hier sind wir genau an Punkt angekommen, der uns an Jongleuren fasziniert.

Endlich: Sowohl-als-auch-Denken

Fasziniert schauen jung wie alt der Jongleurin zu, die immer noch einen Ball aufnimmt und gleichzeitig in der Luft hält. Wie kann das gehen? Vier, fünf, sechs Bälle auf einmal? Wow! Aber eigentlich fängt die Faszination schon beim dritten Ball an – zwei Hände, aber drei Bälle!

Lediglich circa 15 Prozent der Menschen schaffen es, sozusagen systematisch drei „Bälle“ in ihrem Leben gleichzeitig in der Luft zu halten. Drei Bälle, das heißt: Den einen Weg zu gehen, ohne den anderen zu lassen. Eine Idee gut zu finden und eine andere ebenfalls. Eine Lösung zu favorisieren und doch die anderen im Spiel zu halten. Einen Wert gut zu finden und zugleich einen anderen, widersprechenden, nicht schlecht. Vielleicht finden Sie in Ihrem Arbeitsbereich geeignete Beispiele?

Hier ein Beispiel aus dem Vorstellungs-/Personalgespräch. Auf die Frage, warum Sie einen bestimmten, neuen Job wollen, könnten Sie erzählen, was Sie am alten Job gut finden UND was Sie am neuen Job reizt. Ungewohnt, oder? Normalerweise denken wir: Wenn ich eine neue Aufgabe spannender finde, muss ich doch die alte weniger spannend finden! Wenn ich den neuen Chef lobe, muss ich den alten schlechter finden! Wenn der neue Job der Richtige ist, muss der alte falsch sein!

Sie könnten aber auch einfach der Meinung sein, die neue Aufgabe passt besser in die Zeit, die jetzt kommt. Oder ist genauso gut, wie die alte, aber bringt sie jetzt weiter, weil sie andere Tools einsetzen können. Alter Job und neuer Job sind im Prinzip gleich gut, aber der alte darf jetzt gehen, weil Sie ihn lange genug ausgeübt haben.

Vielleicht denken Sie nun, „ach, das weiß ich doch! Also beherrsche ich das sowohl-als-auch-Denken ja schon“? Das kann natürlich sein. Aber wie gesagt, auf die meisten trifft das nicht zu. Wo sich die Spreu vom Weizen scheidet, ist die Frage: Kann ich selbst aktiv sowohl-als-auch-Denken? Oder bin ich nur in der Lage, einem sowohl-als-auch-Gedankengang zu folgen? Kann ich aktiv produzieren (und auf mein Leben und meine Arbeit anwenden), oder nur nachvollziehen?

Übrigens wäre es ganz sinnvoll, wenn Ihr Coach in der Lage wäre, aktiv sowohl-als-auch zu denken … Und wenn Sie selbst dazu fähig sind, werden Sie es ziemlich unerträglich finden, wenn Ihr Coach das nicht fertig bringt. Er oder sie kann Ihnen dann im Grunde nicht folgen! Dass das Potential, gut zu beraten, durch entweder-oder-Denken grundsätzlich schnell begrenzt wird, verdeutlicht eine Eheberaterin, die immer auf der Seite des einen Ehepartners steht. Obwohl Sie mit mir übereinstimmen werden, wenn ich sage „das geht gar nicht!“: Das gibt es leider allzu oft! (Thomas Binder fand in seiner Promotion, veröffentlicht als „Ich-Entwicklung für effektives Beraten“ einen Anteil von 83,5 Prozent entweder-oder-Denken unter BeraterInnen!)

Wenn Sie das nächste Mal Gelegenheit dazu haben: Bewundern Sie eine Jongleurin oder einen Jongleur einmal unter dieser Perspektive!

Mehr / Systematischeres dazu.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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