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06.03.2017 Psychologie

Können Sie in die Zukunft sehen? Was, wenn nicht?

Seit ich privat zur Erkenntnis kam, dass mir die Gabe des Hellsehens fehlt, treffe ich erstaunlich viele Menschen, denen das anders zu gehen scheint. Zumindest sagen die Leute ständig Sätze, die ein Wissen über die Zukunft voraus setzen. Sich klar darüber zu werden, ob man über hellseherische Fähigkeiten verfügt oder nicht, scheint im Leben weiterzuhelfen – das erlebe ich nicht zuletzt im Coaching.

Unsere unbewusste Konstruktion der Welt

Ein Baby käme nie auf die Idee, gesicherte Vorhersagen der Zukunft abgeben zu können – ihm fehlt das Gehirn dafür. Doch von diesem Zustand, in dem wir uns alle einmal befanden, haben wir uns entschieden entfernt. Als Erwachsene sind wir uns recht sicher, woher wir kommen und wohin wir gehen. Um die vielen Eindrücke verarbeiten zu können, die tagtäglich auf uns einstürzen, haben wir in unseren Gehirnen eine Struktur dessen angelegt, was Welt für uns bedeutet. Konkret: Was ist an diesem Ort in diesem Moment zu erwarten? Diese Struktur ist bitter nötig, um im Alltag zu funktionieren. Sie schränkt uns aber auch ein. Und sie führt dazu, dass wir sicher erwarten, was bei Lichte betrachtet nur wahrscheinlich ist. Doch das Spannendste im Leben sind die Abweichungen.

Werden Sie Glaubenssatz-Jäger

Viele kennen den Ausdruck „Glaubenssatz“ aus dem Coaching. Gemeint sind Sätze aus der Kindheit wie z.B. „ich bin mittelmäßig“ oder „ich tauge nur etwas, wenn ich etwas leiste“ oder „man muss immer artig sein“. Betrachten wir diese Sätze unter dem oben eingeführten Blickwinkel, wird klar: Wer sich als mittelmäßig einstuft, trifft dabei auch eine Aussage über die eigene Zukunft. Sie wird sich vermutlich bewahrheiten. Wer seinen Selbstwert an Leistungsbeweise koppelt, beschreibt eine (nicht allzu rosige) Sicht seines weiteren Lebens. Und der stets artige Mensch erwartet für eine unartige Zukunft das Schlimmste.

Glaubenssätze enthalten also eine Kristallkugel-Komponente. Schärfen wir den Blick weiter. Wie steht es mit einem Satz wie „ich schlafe zur Zeit nicht gut“? Ist das nicht ein Glaubenssatz? Mit weniger Historie zwar, aber doch ein Satz, der ebenso eine Zukunftsvorhersage enthält? Ich meine, wenn wir uns diesen Satz denken oder sogar laut aussprechen, beeinflusst er unsere zukünftige Nachtruhe. Er ordnet ein, strukturiert unsere Wirklichkeit, das ist der Vorteil. Aber diese Strukturierung beinhaltet auch eine Annahme darüber, was uns in Zukunft begegnen wird. Wenn Sie sich auf die Lauer legen, geht es Ihnen bei der Selbstbeobachtung und beim Zuhören vielleicht ähnlich, wie mir: Immer häufiger hören Sie Sätze, die einschränkend auf die Zukunft wirken.

„Ich glaube nicht, dass sich das noch einmal ändert“ sagte eine Frau, als sie das schlechte Verhältnis zu ihrem Ex-Mann beschrieb. Ja, schon, ich kenne die beiden und weiß, dass ihre Beziehung viel Luft nach oben hat. Aber woher wollen wir wissen, wie sie sich tatsächlich entwickelt? Das „ich glaube“ klingt zwar zukunftsoffen. Es ändert aber im Grunde nichts daran, dass eine feste Erwartung beschrieben wird. Nehmen wir an, der Mann startet einen zarten Versuch, das zerrüttete Verhältnis zu verbessern. Glauben Sie, dass seine Ex-Frau das mitbekommt? Ich denke, die Wahrscheinlichkeit dafür ist mindestens reduziert.

„Ich werde nie wieder so viel verdienen, wir zuvor“, sagen viele, die ihren Job verloren haben. Woher wollen sie das wissen? Sicher, einiges spricht dafür, dass ihre Behauptung stimmt. Das gilt aber in allen Fällen, die ich oben beschrieben habe: Natürlich ist es vernünftig anzunehmen, dass die Zukunft ähnlich sein wird, wie die Vergangenheit war. Und es ist wahrscheinlich, dass allgemeine Erkenntnisse auch im Einzelfall zutreffen. Aber sicher ist das nicht!

Wer gewinnt die Wette auf die Zukunft?

„Ich bin kein Typ für …. Öffentliche Verkehrsmittel / Sport / Segeln ….“ Offenkundig bietet eine solche Aussage einen Vorteil: Das Erleben wird geordnet und strukturiert. Es braucht Lebenserfahrung und Reflektionsfähigkeit, solche Aussagen zu treffen. Man hält damit sein Wissen über sich selbst und die Welt in komprimierter Gestalt fest. Aber zugleich schränkt es uns ein, wenn wir uns so festlegen.

Im Grunde verkünden wir eine Art Wette auf die Zukunft. „Ich kann xy nicht, jede Wette!“, behaupten wir. Und, was glauben Sie, wer da gewinnt? Wir alle sind doch gerne Gewinner im Leben … und sei es bei Wetten, die wir eigentlich besser verlieren sollten. Z.B. „Ich schaffe es ja doch nicht … abzunehmen / mit dem Rauchen aufzuhören / regelmäßig Sport zu treiben / je über 100.000 € zu verdienen…“ In aller Regel wäre es in solchen Fällen eigentlich besser, nicht Recht zu behalten. Aber das ist schwer und mühsam – und wir würden uns selbst widerlegen. Recht behalten (weiter rauchen, weiter schlemmen, weiter chillen etc.) ist da deutlich komfortabler.

Trotz Weltwissen: Offenheit bewahren

Die Kunst besteht wohl darin, trotz unseres Wissens um die Welt, die Offenheit zu bewahren. Je mehr wir als Detektive unterwegs sind, die alle bloße Fortschreibungen des Vergangenen in die Zukunft entdecken, desto größer die Chance, dass dieses Vorhaben gelingt. Wir fahren letztlich besser, wenn wir nicht fest davon ausgehen, dass eine schlechte Beziehung so schlecht bleibt wie eh und je. Oder, wenn eine ungünstige Arbeitsmarktlage uns, anders als erwartet, doch Chancen eröffnet. Und, wenn wir uns nicht vorher eintrichtern, dass aus unseren Hoffnungen bestimmt nichts wird, erkennen wir die Möglichkeiten eher.

Es geht darum, klug zu handeln, aber optimistisch zu denken. Klug handeln heißt, das Wissen aus der Vergangenheit und Gegenwart zu nutzen. Optimistisch denken meint, der Zukunft eine Chance zu geben. Aus der Unfähigkeit des Hellsehens sollten wir den Schluss ziehen: Triff‘ keine Aussagen, in denen du das einschränkst, was kommen mag.

Die Realität ist anders, als Sie denken

Tatsächlich ist die Zukunft komplett anders, als wir denken. Springen wir – als Gedankenexperiment – nur eine einzige Sekunde vorwärts. NICHTS von dem, was dann ist, war vorher in der Form da. Atome sind beispielsweise nicht starr, sondern bestehen aus Teilchen, die sich bewegen. Jede Zelle in unserem Körper hat einen Stoffwechsel. Wir atmen tief oder flach. Jetzt gerade klopft es vielleicht bei Ihnen an der Tür und die Situation ändert sich. Vielleicht verändert sich die Welt für Sie gerade dramatisch, durch Ihren Besuch? Es könnte gerade die Chance Ihres Lebens winken, die eine Sekunde zuvor noch nicht bestand. Unwahrscheinlich, ja. Aber, wer weiß?

Ein weiterer Gedanke schließt an unser Gedankenexperiment an (das im Grunde nichts anderes macht, als ein Spotlight auf die Realität zu werfen. Denn nichts ist eine Sekunde später so, wie es davor war! Das ist Naturgesetz.) Wenn Sie beispielsweise in der Situation der geschiedenen Partner stecken, die auf die Besserung ihres Umgangs miteinander nach der Scheidung hoffen: Wie viel angenehmer ist es dann, nicht Sekunde um Sekunde des restlichen Lebens zu sich selbst zu sagen, dass das Verhältnis verkorkst bleiben wird? Angenommen, es bessert sich, dann hätten sie Unrecht behalten und sich umsonst gesorgt. Wenn sie aber Recht behalten und ewig unversöhnt bleiben, was hat es dann gebracht, Jahre lang in diesem Bewusstsein zu leben?  Das Bewusstsein, dass sich die Dinge IMMER ändern, schafft den Freiraum im Geist, der das Leben angenehmer macht. Vollkommen unabhängig davon, ob es sich zum Besseren wendet oder nicht.

Ich kann nicht in die Zukunft sehen. Und Sie? Ich hoffe, ich konnte Sie davon überzeugen, dass diese scheinbar triviale Erkenntnis absolut spannend ist. Und ich wünsche Ihnen, dass Sie im Alltag immer mehr Sätze entdecken, die Sie anders sagen können. Und wenn Sie es tun, werden Sie offener sein für Ihre aufregende, positive Zukunft.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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