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11.10.2017 Bewerbung

Karriereberatung: Warum stellen Berater Fragen? Statt Rat zu geben?

Das ist doch völliger Unsinn, könnte man meinen: Man geht zu einem Berater, weil man einen guten Rat will. Stattdessen bekommt man einen Haufen Fragen gestellt! Das ist doch, wie wenn ich mir einen Cappuccino bestelle und lauter Tassen kriege! Konkret:

Unternehmens-Slogan im Anschreiben aufgreifen – ja oder nein?

In einem Business-Forum wird die Frage diskutiert: Sollten Bewerber einen vom Unternehmen in der Anzeige verwendeten Slogan aufgreifen? Ja oder nein?

Die Fragestellung gleicht anderen, die sich in solchen Foren versammeln. Das Begehren des Fragers ist es meist, ein „ja“ oder ein „nein“ als Antwort zu erhalten. Als Mensch, dessen Job die Karriereberatung ist, denke ich dazu – praktisch immmer! – meine Güte, was soll man dazu sagen? Wir – eigentlich willigen – Berater kennen doch den Bewerber, die Situation, das Unternehmen undundund überhaupt nicht?! Klar, manchmal lässt sich dennoch etwas Sinnvolles beitragen. Ein klares „So!“ wird das aber selten sein. Warum?

Weil es tatsächlich auf die Rahmenbedingungen, auf all die ungeklärten Fragen, ankommt. Im gegebenen Beispiel: Es gibt Konzerne, deren Philosophie in jeder Veröffentlichung zum Ausdruck kommt. Jedes interne Assessment prüft diese Philosophie ab: Wer sie nicht erfüllt, wird dort nichts. Wenn Sie also ein Bewerbungsanschreiben an diesen Konzern schicken und darin nicht die Spur der Philosophie des Hauses anklingen lassen, fallen Sie durch. Und dann gibt es den einen oder anderen Mittelständler, bei dem irgendeine Marketing-Agentur die Slogans zusammen gezimmert hat. Sagen wir mal, zusammen mit dem Chef, dessen Assistent und seiner Ehefrau – die aber auch alle drei im Grunde nichts davon verstehen. Dem Gros der Mitarbeiter ist nicht bekannt, was dieser kleine Kreis ausgebrütet hat. Slogan und wording spielen im Alltag des Betriebs keinerlei Rolle und die Personalabteilung weiß auch nichts von ihnen.

Es gibt Bewerber, die ein Slogan sofort persönlich anspringt, weil sie sich voll und ganz damit identifizieren können. Und es gibt Kandidaten, die ganz im Gegenteil beschäftigt: „wie soll ich in je einem Unternehmen glücklich werden, das einen solchen Slogan vor sich her trägt?“

Es gibt Slogans, die wirklich pfiffig sind, die vielleicht den Ton des ganzen Unternehmens gut treffen und erkennbar anders sind. Und es gibt Slogans, denen die Bemühtheit und Plattheit aus allen Poren quillt. Allen voran: „Der Mensch steht bei uns im Mittelpunkt“. Hier mal ein klarer Rat: Auf letzteren Slogan gehen Sie bitte nicht ein. NIE. Egal, was oder wer Sie sind und was Sie wollen!

Und wenn wir gerade auf Sie als Leser_in zu sprechen kommen: Sind Sie ein Mensch, der gerne mit der Sprache spielt und dieses Spiel beherrscht? Wenn das so ist, gelingt es Ihnen vielleicht auch, den Slogan des Unternehmens auf intelligente Weise in Ihren Text einzubinden. Oder gehören Sie eher zu den verdienstvollen Technikern und Rechnern dieser Welt, die, während andere mit Wörtern jonglieren, lieber sicher stellen, dass wir alle heil nach Hause kommen? Dann passt es vielleicht auch einfach nicht zu Ihrem Stil, die sprachliche Gymnastik zu übertreiben.

Der Vorteil der Karriereberatung

Wenn Sie mir im Jobcoaching die Frage stellen, ob Sie einen bestimmten Slogan einbinden sollen oder nicht, weiß ich schon einiges über Sie, das Unternehmen, den Slogan. Manches zum konkreten Kontext Ihrer Frage ist dann schon klar. Dennoch werde ich Ihnen weitere Fragen stellen. Zum Beispiel: Was bedeutet der Slogan für Sie persönlich? Inwiefern können Sie etwas damit anfangen? Wie stellen Sie sich Ihren Job in diesem Unternehmen vor – falls es wirklich unter der Fahne dieses Slogans segelt? Was wäre Ihre Idee, den Slogan einzubinden?

Nach diesem kleinen Dialog kommt nicht nur Ihre Antwort heraus. Nein, Sie haben Ihre Frage mitsamt möglicher Antworten gründlich durchdacht. Sie entscheiden sich wohlbegründet für eine Lösung. Und wenn Sie im Vorstellungsgespräch diskutieren müssen, wie Sie das Motto des Unternehmens verstehen, können Sie dies überzeugend tun.

Vor allem aber: Die Haltung, die Sie präsentieren, macht Sie persönlich aus. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit massiv, dass zwei Parteien zueinander finden, die zueinander passen. Die Beratung trägt in ganz anderer Weise als ein Rat dazu bei, dass Sie am Ende den speziell für Sie passenden Job antreten.

Was bringt dann eine zugespitzte Ja-Nein-Frage? Taugt sie überhaupt zu irgendwas? Ja, denn sie kann ein guter Startpunkt eines produktiven Prozesses sein.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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