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09.03.2018 Karriereplanung

Digitalisierung: Bald arbeitslos? Welche IT-Felder boomen?

Vor fünf Jahren schreckte eine US-Studie die Öffentlichkeit auf, wonach in den nächsten 20 Jahren 50 Prozent der Arbeitsplätze durch Roboter und Computer ersetzt werden. Wie ist die Lage heute für Deutschland einzuschätzen und welche IT-Bereiche boomen?

US-Daten nicht vergleichbar

In den Monaten nach Veröffentlichung der US-Studie von Frey und Osborne wurden zunehmend deutsche Studien (z.B. hier) publik, die zeigten, dass die US-Daten nicht ohne weiteres auf den Arbeitsmarkt im DACH-Raum übertragbar sind. Dennoch ist klar, dass die Digitalisierung eine erhebliche Umstrukturierung des Marktes mit sich bringt.

Das Buch „Arbeitsfrei“ der Chaos-Computer-Club-Autoren Constanze Kurz und Frank Rieger von 2013 ist sehr lesenswert und hilft weiter, um den tiefgreifenden Wandel der letzten Jahrzehnten zu verstehen und sich eine Orientierung für die Zukunft zu verschaffen. Systematisch berichten sie über „eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen“ (so der Untertitel): In der Landwirtschaft, den Getreidemühlen, Druckereien, Erdölraffinerien, Transport und Logistik. Im etwas kleineren Teil des Buches bieten sie einen Ausblick auf Autos ohne Fahrer und Roboter, die Roboter bauen.

Was deutlich wird: Wenn die erschreckten Katastrophen-Szenarien, die die US-Studie in unseren Köpfen ausgelöst hat, Substanz hätten, wären 90 Prozent von uns heute schon arbeitslos. Denn bereits in den letzten Jahrzehnten vollzog sich ein gewaltiger Umbau, der die meisten Arbeitsplätze, die es noch vor ein paar Jahrzehnten gab, dahin raffte. Der Siegeszug der IT wurde finanzierbar, indem Jobs vernichtet wurden. Aber zugleich wurden neue Berufe geschaffen. Genauso wird es in Zukunft weiter gehen. Jobs sterben nicht einfach aus, sondern es geht um die Umstrukturierung des Arbeitsmarktes.

Wegdigitalisierte Berufe

Vor kurzem kam eine neue IAB-Studie heraus, die sich auf Daten von 2016 bezog. Zugleich ermöglichte sie den Vergleich mit der Entwicklung in den letzten drei Jahren, da das IAB die letzte Studie zum Thema mit Daten von 2013 erstellte. Der Ansatz: Welche Berufe sind gut / mittel / schlecht substituierbar? Wenn mehr als 70 Prozent der Kerntätigkeit eines Berufs von Computern / Algorithmen oder Robotern erledigt werden kann, ist die Substituierbarkeit des Berufs hoch. Bei 31-70 Prozent im mittleren Bereich, darunter gering. Das IAB hat eine Seite eingerichtet, wo Sie in Sekundenschnelle überprüfen können, wie Ihr Beruf in Sachen Ersetzbarkeit durch den Roboter dasteht.

Dass ein betroffener Beruf dann tatsächlich verschwindet, ist damit noch lange nicht gesagt. Manchmal sind Maschinen zu teuer, die Qualität ihrer Arbeit ist zu gering oder ethische Schranken stehen der Maschinenlösung im Weg.

Was sich ergibt, ist ein Umbau. Manche Berufe verschwinden tatsächlich. Andere wandeln sich, indem bestimmte Aufgaben durch andere ersetzt werden. Dazu entstehen gänzlich neue Berufe. Und woanders ändert sich einfach nichts, weil die Berufe (derzeit) einfach schlecht ersetzbar sind.

Die einfachste Grundregel ist: Je höher die erforderliche Qualifikation eines Arbeitnehmers ist, desto sicherer ist sein Arbeitsplatz. Das heißt aber nicht, dass hochqualifizierte Jobs nicht auch ersetzbar sein können. Beispielsweise können Personalentscheidungen sehr gut von Robotern vorbereitet werden. Aber in der Tendenz schützt ein hohes berufliches Bildungsniveau vor der Maschinen-Konkurrenz. Auch das ist im Grunde nichts Neues, sondern eine Entwicklung, die sich seit Jahrzehnten abspielt, ohne uns plötzlich aufschrecken zu lassen. Wer ein solides Studium vorweisen kann, ist in der Lage, sich neue Kenntnisse leichter anzueignen – ein wesentlicher Vorteil in Zeiten des Wandels. Übrigens unterschätzen diesen Punkt Absolventen von Hauptschulabschluss / Mittlerer Reife plus Berufsausbildung systematisch. Genauso wie Studierende umgekehrt denken, ihr Lernen wäre sinnlos, weil sie ohnehin das meiste wieder vergessen würden. Nein! Das Gehirn wird durch den Lernvorgang, den Umgang mit abstrakter Vorstellung und Ordnung umstrukturiert, so dass späteres Lernen und Berufspraxis auf hohem Niveau möglich wird.

Welche neuen Techniken gibt es?

Die IAB-Experten berichten von verschiedenen Techniken, die in den letzten 3 Jahren zur Marktreife gelangt sind. Unter der Überschrift „Roboter verlassen die Käfige“ schildern sie, dass Roboter, die vorher aus Sicherheitsgründen nur in Käfigen arbeiteten, inzwischen mit Sensoren ausgestattet sind. Dadurch können sie direkt mit Menschen zusammen arbeiten (sehr anschaulich beschreiben Kurz / Rieger dies in „Arbeitsfrei“). So könnten die Roboter beim Heben und Einpassen schwerer Bauteile helfen. Zahlreiche Logistik-Arbeiten können heute von Robotern verrichtet werden. Verbesserte Bilderkennung macht die Wareneingangskontrolle möglich. Bildabgleiche mit Selbstlernfunktion das Ein- und Auslagern.

Das Selbstlernen der Algorithmen könnte auch bei der Bearbeitung von Steuerunterlagen oder Versicherungsverträgen zur Anwendung kommen. In der Landwirtschaft gelingt automatisiertes Düngen und mittels Sensorik die optimierte Versorgung der Tiere. Das kann übrigens zu einer faszinierenden Verbesserung des Tierwohls führen, wenn Kühe sich selbst entscheiden können, wann sie sich vom Automat melken lassen, statt stumpf in einer engen Zelle stehend abgefertigt zu werden. Der 3D-Drucker ist eine wesentliche neue Technik, die den händischen Modellbau, der in mehreren Berufen eine Rolle spielt, ersetzt. Auch Zahnimplantate und andere Medizintechnik-Produkte können so erstellt werden. Virtuelle Brillen könnten Monteuren helfen oder auch den Kunden von Architekten eine Vorschau auf Umbauten bieten.

Zu den neuen Berufen, die sich in den letzten Jahren herausgebildet haben und gerade etablieren (Umstiege noch relativ leicht!) gehören Spieledesigner / -programmierer, Data Scientists (analysieren großer Datenmengen in Echtzeit) und Intervacedesigner (Gestaltung optimaler Benutzeroberflächen, siehe auch UX=User Experience – auf Studienebene auch zusammen mit Spieledesign angeboten). Diese Berufe sind so neu, dass es noch kaum Absolventen von reinen Studiengängen dafür gibt. Umstiege sind daher noch gut möglich. Wer sich jetzt erst für ein Studium anmeldet, kann die Themen gleich in den Fokus nehmen – genauso wie Berufstätige, die sich mittels Master-Studium weiterbilden.

Brandheiß ist auch die Block-Chain-Technologie, die etwa im Energiemarkt oder bei Banken zu einer revolutionären Umstrukturierung führen könnte – Experten sehen die Technologie ähnlich wie das Internet in den 1990er-Jahren. Unter anderem aufgrund der enormen Energiebedarfe ist das allerdings noch nicht ausgemacht.

Welche IT-Bereiche boomen?

Klar ist, dass ein Studium mit wesentlichen IT-Anteilen (sei es die Informatik oder zum Beispiel Fächer wie Wirtschaftsinformatik) für alle eine gute Wahl ist, die eine hohe Affinität zu Computern haben. Eine neue Studie hat hierzu 905 Unternehmen befragt. Welche Entwicklungen beschreiben sie? Den größten Bedarf an IT-Fachkräften sehen die Befragten aller Branchen im Sektor IT-Sicherheit. An zweiter Stelle folgt die Nachfrage nach Spezialisten für Cloud-Technologien, an dritter Stelle das digitale Marketing. In der Folge des digitalen Wandels werden agile / Scrum-Verfahrensweisen bei den IT-Beratungen immer wichtiger, um „den Kunden eine Nasenlänge voraus zu sein“.

Schlagwörter für neue IT-Themen sind Big Data (siehe Data Scientist), Machine Learning (Maschinen, die aus Erfahrungen lernen und zum Transfer von Gelerntem in der Lage sind) und das Internet of Things (IoT). Auch um hier kompetent arbeiten zu können, ist ein IT-Studium eine vernünftige Grundlage. Jedes Studium mit IT-Anteilen und entsprechende Spezialisierungen (Physik, Mechatronik etc.) stellen ebenfalls eine gute Basis dar.

Nach wie vor nicht ersetzbar

Wer es nun gar nicht mit Programmierung und IT-Architektur hat, sollte aber nicht verzweifeln. Denn gerade Menschen, die sich besonders für den Menschen interessieren, können nicht ersetzt werden. So gibt der oben erwähnte „Job-Futuromat“ des IAB für folgende Berufe das Ergebnis aus: „Der Arbeitsalltag dieses Berufs besteht im Wesentlichen aus x verschiedenen Tätigkeiten, 0 davon und somit 0% könnten schon heute Roboter übernehmen“:

Sozialarbeiter, Fachärztin innere Medizin, Erzieher, Logopädin – und viele weitere.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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