Porträt Christoph Burger
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05.04.2017 Bewerbung

Vorstellungsgepräch: Wie stellen Sie sich den idealen Chef vor?

Eine dieser heiklen Fragen, die Personaler gerne im Vorstellungsgespräch stellen. Eine gute Antwort sagt viel über Sie selbst aus und bringt Ihnen Vorteile sowohl für Ihr Bewerbungsvorhaben als auch für Ihre Karriere.

Vermeiden Sie die Wunschliste

Die meisten beantworten die Frage nach dem idealen Chef geradeheraus. Z.B. „Er sollte klar sagen, was zu tun ist. Er sollte im Umgangston verträglich sein. Er sollte mir Unterstützung bieten, falls ich einmal nicht klarkomme.“ Wie wirken solche Angaben? Zum einen sicherlich als verständliche Wünsche. Als Kriterien, die eine gewisse Grundvoraussetzung für gute Chefs umfassen. Zum anderen lässt sich eine solche Aufzählung als „Wunschliste“ beschreiben – etwas durchaus Gefährliches im Vorstellungsgespräch.

Wenn Angestellte eine Wunschliste aufmachen, wie Chefs zu sein haben, stimmt etwas grundlegend nicht. Denn sie sind abhängig beschäftigt und arbeiten weisungsgebunden. Die Chefs werden nicht von ihnen eingesetzt, sondern von weiter oben bestimmt.

Ja, aber … bei schlechten Chefs?

Dürfen Sie also keine Ansprüche an ihren Chef haben? Wo bleibt da die Menschlichkeit? Wo bleibt der Humanismus? Die Werte, welche sich viele Unternehmen auf die Fahne schreiben? Nun, Sie treffen Ihre eigene Entscheidung, mit wem Sie arbeiten wollen, wo Sie einen Vertrag unterschreiben. Wenn Sie beispielsweise auf den Job angewiesen sind, wird Ihre Toleranz fürs Chefverhalten üppiger ausfallen. Wenn Sie eine auf dem Arbeitsmarkt umworbene Fachkompetenz aufweisen, können Sie sich Chef und Arbeitgeber eher aussuchen. (Im letzteren Fall empfehle ich tatsächlich eine Wunschliste: Diese bezieht sich aber nicht nur auf den idealen Chef, sondern auf alles, was Ihnen wichtig ist. Und Sie warten dann auch nicht darauf, dass Sie nach Ihren Punkten gefragt werden, sondern formulieren sie im Laufe des Gesprächs aktiv selbst. Dazu unten mehr.)

Kommen wir zurück zur Ausgangsfrage: Was können Sie sagen, wenn Sie keine Wunschliste aufmachen dürfen?

„Der ideale Chef …

gibt mir Feedback und sagt mir, wenn ich etwas nicht gut mache. Außerdem erhalte ich Hinweise, wie es besser wäre.“ Punkt. Das ist es, was ich Ihnen empfehle, auf die Frage nach dem idealen Chef zu antworten. Warum so sparsam und bescheiden? Warum nur eine einzige Forderung?

Zum einen entspricht es der oben beschriebenen Karrieremechanik, wenn Sie keine Wunschliste aufmachen. Zum anderen sind Sie nur im Fall, dass Ihnen kein Feedback gegeben wird, wirklich arm dran. Zum dritten demonstrieren Sie mit dieser Antwort Engagement und Lernwille.

Im einzelnen: Über die Karrieremechanik habe ich oben schon geschrieben. Sie ist wirksam, auch bei flachen Hierarchien, bei netten Chefs, bei auf dem Arbeitsmarkt begehrten Mitarbeitern. Zwar wirkt sie dann nicht so mächtig und spielt in vielen Situationen keine große Rolle. Dennoch sollten Sie die Karrieremechanik immer mitdenken – denn wenn es hart auf hart kommt, entscheidet sie doch. Und wenn nicht? Dann hat Ihre Vorsicht nicht geschadet. Das ist wie bei einer Versicherung: Wenn der Schadensfall nicht eintritt – umso besser.

Angenommen, Sie bekommen kein Feedback. Dann lässt man sie letztlich ins offene Messer laufen, so nett und freundlich auch alles zuzugehen scheint. Sie sind gezwungen, Ihren Fehler zu wiederholen. Sie haben keine Chance, Ihre Arbeit besser zu machen. Ihre Entwicklung wird verbaut. Und Sie sind an dieser entscheidenden Stelle noch nicht mal im Kontakt zur wichtigsten Person beim Arbeitgeber, Ihrem direkten Vorgesetzten. Feedback ist daher der wesentliche Teil Ihres persönlichen Verhältnisses zum Chef und Ihre Anbindung ans Unternehmen.

Wer Feedback zur eigenen Arbeit als oberstes Kriterium einfordert, demonstriert damit das eigene Engagement, die Bereitschaft, dazu zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Weitere Karriereschritte eingeschlossen. Merken Sie es sofort an, falls Ihnen später ein Feedback vorenthalten wird: So erarbeiten Sie sich einen selbstbewussten Ruf und ein gutes Standing.

„Was, wenn der Chef sein Feedback reichlich gibt und zwar indem er es mir tagtäglich in die Ohren brüllt?“ Klar, bei diesem Arbeitgeber sollten Sie nicht alt werden. Im Vorstellungsgespräch ist Ihr Job ein anderer: Überzeugen Sie die Gegenseite, Ihnen ein attraktives Angebot zu unterbreiten. Gewinnen Sie Informationen über Chef, Unternehmen, Aufgabe (z.B. auch durch einen Probetag, ein weiteres Treffen o.ä.). Und dann entscheiden Sie, ob Sie den Vertrag annehmen wollen.

Aufrecht Karriere machen

Ich empfehle, Charakter zu zeigen – das heißt auch, sich für die Karriere nicht zu verbiegen. Aber verhalten Sie sich nicht duckmäußerisch schon im Vorstellungsgespräch, wenn Sie meiner obigen Empfehlung folgen? Der Eindruck täuscht. Selbstverständlich sollen Sie vorab Informationen über Ihren Chef sammeln. Dennoch rate ich dazu, dies nicht in dieser Frage zu tun, auch wenn sie scheinbar direkt dazu einlädt. Markieren Sie lieber den Punkt, wie wichtig Ihnen Feedback ist. Und erkunden Sie den mutmaßlichen Charakter Ihres Chefs und das Betriebsklima davon getrennt in anderen Gesprächsteilen des Interviews oder indem Sie eigene Fragen stellen.

Wer beispielsweise die Frage nach dem idealen Chef wie oben beantwortet, präsentiert sich flexibel, selbstbewusst, direkt, engagiert. Wer dann später die Frage stellt, wie denn das Betriebsklima ist, stellt sich ebenfalls als selbstbewusst und klar da. Denn „wer fragt, der führt“. Ihre auf Feedback fokussierte Antwort auf die eine Frage, wie auch Ihr aktiv eingebrachtes Thema „Betriebsklima“ bzw. „Führungsgrundsätze im Unternehmen“ signalisieren: Ich bin flexibel und selbstbewusst.

Besser also, Sie trennen Ihre Anforderungen an das Unternehmen von den Anforderungen, die der Arbeitgeber an Sie formuliert. Denn in den seltensten Fällen können Sie Ihre Chefs selbst aussuchen. Sie müssen zunächst vorlieb nehmen mit dem, was kommt. Dann aber können Sie Ihr Standing entwickeln und sich die Welt so gestalten, wie Sie wollen. Wenn Sie diese Ressource entwickeln, sind Sie gewappnet – egal, was man Ihnen vorsetzt. Machen Sie aktiv Karriere: Als umgänglicher und flexibler Mitarbeiter aber auch als selbstbewusster und aktiver Gestalter Ihres eigenen Weges.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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