Der Clinch der Virologen – und worum es wirklich geht

In der Coronakrise können wir die Erkenntnisfindung in der Virologie zeitnah verfolgen – gleichzeitig werden wir mit unzähligen Verschwörungsmythen versorgt. Die Konfrontation von Wissenschaft und Kurzschluss bietet die hervorragende Chance, Entscheidendes zu lernen. Wir sollten sie nutzen, denn die nächsten Krisen warten schon.

Alles ist psychologisch – worst case scenario

Der Kampf um wissenschaftliche Wahrheit, Schlachten in der Politik, Wirtschaftskriege, Promi-Live, Mega-Bands, Fußballer-Diven und Komasaufen – alles psychologisch. Alles! Insbesondere wird es schlimm, wenn Themen und Inhalte (küchen-) psychologisiert werden, die Menschliches nun überhaupt nicht auszeichnet. Das kann auch dann passieren, wenn Menschen darin vorkommen.

Ein Beispiel liefert gerade die Bildzeitung. Sie “berichtet” über „Virologen-Clinch“ und den “Meinungskampf” der Virologen. Die Bild verdreht respektvolle Äußerungen über Forscherkollegen zu einem Streit. Erkenntnisse aus der Wissenschaft, die in der Krise um das NEUARTIGE Coronavirus ZWANGSLÄUFIG erst nach und nach gewonnen werden, biegt das Blatt so hin, als ob es hier um schwankende Meinungen einzelner Forscher oder um Eifersüchteleien ginge oder gar Machtkämpfe tobten, so der Bildblog.

Was hier auf die Spitze getrieben wird, ist im einschlägigen Teil der Medienlandschaft gang und gäbe. Sogar seriöse Menschen tappen leicht in diese Falle der Küchenpsychologisierung. Mitverantwortlich ist die wissenschaftliche Psychologie, die sich fein zurückhält, sobald ein Vorgang von Politik oder Gesellschaft berührt ist. Sie müsste auf diese Laienpsychologisierung hinweisen – und ihr seriöse Erkenntnisse entgegenstellen.

Nichts ist psychologisch

Dazu bräuchte es Psycholog*innen, die erklären, wieso eine solche Bild-„Berichterstattung“ auf so großes Interesse stößt. Das wäre der Disziplin würdig. Also bitte mehr Psychologie an dieser Stelle!

Dazu gibt es andere Baustellen, an denen die Psychologie laut schweigt. Ist Ihnen auch schon mal aufgefallen, wie schnell wissenschaftliche Vertreterinnen der Psychologie im Fernsehen behaupten, nicht zuständig zu sein? Sobald die Frage irgendwie mit Gesellschaft zu tun hat, meinen die meisten Vertreterinnen der akademischen Psychologie, nichts Relevantes mehr beisteuern zu können.

Insbesondere die menschengemachte Klimakrise sticht hier hervor. „Menschengemacht“! Da müsste die Psychologie doch Relevantes zu sagen können, oder? Vor einigen Wochen hörte ich die renommierte Wirtschaftskorrespondentin der taz Ulrike Herrmann in diesem (äußerst sehenswerten!) Interview sagen, in den letzten Jahrzehnten habe die Wirtschaftswissenschaft versagt. Denn unendliches Wirtschaftswachstum und eine endliche Erde passen nicht zusammen. Dennoch habe ihre Disziplin praktisch keine Konzepte vorgelegt, wie aus diesem Widerspruch herauszukommen sei.

Seither denke ich immer wieder an ihre Aussage. Und muss es leider feststellen: Die akademische Psychologie hat in der gleichen Frage auf ähnliche Weise versagt. Nicht, dass das mich wundern würde. Aber diese Aussage treffen zu müssen, schmerzt dennoch. Auf die Gründe dafür will und kann ich an dieser Stelle nicht mit der angebrachten Ausführlichkeit eingehen. Aber wäre dieses Versagen nicht, würden wir nicht ständig Klimaforscherinnen an vorderster Front zum Thema hören, sondern Psycholog*innen. So aber erscheint die menschengemachte Klimakrise als Klimaproblem. Es ist von “Klimarettung” die Rede. Dabei hat die Menschheit ein Problem. Wir müssen uns selbst retten, nicht das Klima. (Lesen Sie bei Interesse hier dazu ein Interview mit mir oder surfen Sie zur Seite der Psychologists4future).

Coronakrise und Verschwörungstheorien

Im Gedeihen und Blühen der Verschwörungsmythen in Coronazeiten spiegelt sich dies wieder. Verschwörungsstorys machen die Welt einfach und überschaubar – dies ist die psychologische Triebkraft dahinter. Die Psychologie kann das gut beschreiben. Sobald die Frage gestellt wird, warum und wo in der Gesellschaft solche Storys gedeihen, wird die akademische Psychologie leider blass und still.

Unsere Zukunft entscheidet sich aber nicht daran, ob wir etwas im einzelnen Menschen erklären können. Sondern ob wir in der Lage sind, zudem gesellschaftliche Prozesse zu beschreiben. Wenn wir diese Fragen an die Soziologie weitergeben, wird die Psychologie ihrem Gegenstand nicht gerecht. Der Mensch ist schließlich immer in einer Gesellschaft eingebunden. Immer! Er kann also unabhängig von Gesellschaft, Kultur und Wirtschaftssystem gar nicht zutreffend beschrieben werden.

Coronakrise und Wissenschaft

Wissenschaft bietet eine alternative Herangehensweise zu Verschwörungserklärungen an.

  • Statt eine Ursache für alles anzuführen (“Bill Gates ist an allem schuld”), schildert sie mehrere mögliche Blickwinkel.
  • Statt Standfestigkeit und Charakter dadurch zu beweisen, dass sie bei einer Meinung bleibt, ist das wissenschaftliche Ideal, seine Aussage an den Forschungsergebnissen auszurichten.

Christian Stöcker beschreibt in seiner Kolumne gut, wie Wissenschaft funktioniert. Wenn wir den aktuellen Stand auf den Punkt bringen wollen, sieht es so aus: Je unmittelbarer die Öffentlichkeit gerade am wissenschaftlichen Erkenntnisprozess teilnimmt, desto größer die Konfrontation mit dem Alltagsdenken – nach diesem bedeutet ein Wechsel von Aussagen, im Charaktertest durchzufallen. Je mehr die Unsicherheit von Erkenntnissen betont wird, desto größer der Bedarf des Alltagsdenkens, doch bitte eine sichere Aussage zu bekommen. Je wissenschaftlicher der Diskurs, desto stärker der Bedarf, sich mittels eines Verschwörungsventils des unangenehmen Drucks der Unsicherheit zu entledigen.

Coronakrise bietet lebenswichtige Chance

Wenn Wissenschaft und Verschwörungsmythen aufeinanderprallen, können die Unterschiede klarer hervortreten. Es ist eben keine Charakterschwäche von Wissenschaftler*innen, wenn sie ihre Erkenntnisse revidieren. Es ist der Urgrund der Wissenschaft. Wer dies ablehnt, dem fehlt Grundsätzliches: Die Orientierung an der Empirie, an Fakten, an der Welt, wie sie ist.

So liegt gerade im Aufeinanderprallen von Verschwörungsmythen und Wissenschaft die größte Chance.

  • Lernen wir in der Coronakrise, wie eine Exponentialfunktion funktioniert? Und damit verbunden, warum man einer exponentiellen Entwicklung unbedingt gleich am Anfang Einhalt gebieten muss?
  • Lernen wir, was es bedeutet, uns nach Erkenntnissen und Tatsachen zu richten – egal, wer dazu gerade welche Meinung in die Medienkanäle pustet?
  • Lernen wir jetzt, dass wissenschaftliche Erkenntnis nie bedeutet, eine bestimmte Meinung zu vertreten?
  • Lernen wir, dass uns nicht einzelne Personen retten können, sondern wir uns nur als Menschheit retten können?
  • Lernen wir, dass die Bildzeitung nur Auflage machen will?
  • Lernen wir, dass die allgegenwärtige Küchenpsychologisierung von politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen nur vom wirklich Wichtigen ablenkt?

Die Coronakrise könnte eine Chance sein, auf diese Kluft zwischen Einfachmachern und Populistinnen einerseits und Wissenschaft und seriöser Sachpolitik andererseits hinzuweisen. Die Coronakrise könnte die Chance bieten, obige Fragen zu stellen. Klimakrise und Artenschwund, die nächste Pandemie und die nächsten planetaren Grenzen, die wir reißen, warten schon. Wir brauchen eine Warnung vor unsinniger Psychologisierung und möglichst wenig davon. Aber wir benötigen viel mehr Psychologie, die sich zuständig erklärt, zum Überleben unserer Spezies beizutragen.

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