Brütende Kinder und außergewöhnliche Leistungen – warum Ziele überschätzt werden

“So etwas Besonderes ist ihr Ansatz doch gar nicht!”, behauptete der Lokalreporter – und war doch irritiert. Ein Fernsehteam aus Südkorea hatte sich eigens auf gemacht, um mich zu interviewen. Das “koreanische ZDF” wird an zwei Samstagen im Juli zur besten Sendezeit je eine Stunde zu meinem Buch “Der Zornkönig” bringen. Das südkoreanische Team drehte dazu eine Woche in den USA und eine in Deutschland. Warum der Aufwand? Ich versuchte es dem Reporter vom Lokalradio zu erklären. Meinen Versuch quittierte er mit sanftem Kopfschütteln: “Und dafür fahren die extra nach Herrenberg?”

Ich konnte nur die Schultern zucken. Daraus folgt erstens: “Der Zornkönig” leistet Außergewöhnliches; auch wenn das nicht jeder versteht. Zweitens: Der Autor (cb) ist ein lausiger Verkäufer, wenn er es nicht jedem erklären kann. Mein Verkäuferschicksal ist dumm für mich persönlich. Aber allgemein interessant ist: Wie erreicht man Außergewönliches? Ziele formulieren und hart arbeiten?

Natürlich lässt sich zu jedem Erfolg im Nachhinein eine Geschichte erzählen. Sie führt hier genau zu dem Moment hin, in dem ich der koreanischen Regisseurin die Hand schüttelte. Der Rückblick funktioniert also bestens. Ein Erfolgsrezept lässt sich dennoch kaum ableiten. Das kann ich Ihnen für meinen Fall versichern; und der Fall ist typisch.

Wer Ziele hat, erreicht mehr, heißt es. Er kann alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, die zum Erfolg hinführen. Diese Annahme leuchtet ein. Und sie stimmt doch nicht! Das beste Beispiel für den Riesenunterschied zwischen Rückblick und Vorschau liefert folgende Anekdote.

Thomas Alva Edison, der große Erfinder, wurde als Kind im Hühnerstall entdeckt. Er hockte auf einigen Eiern. Die Frage, was um Himmels willen er da tue, beantwortete er schlicht: “Ich brüte. Ich will herausfinden, wie Hühner brüten.” Im Rückblick betrachtet, erkennen wir im kleinen Jungen schon den späteren genialen Erfinder. Aber wenn wir die Zeit bis zum kleinen Edison zurückdrehen? Wer würde nicht sein Kind für verrückt halten, wenn er es brütend im Hühnerstall vorfände?

Jedes Kind treibt merkwürdige Dinge. Meine Tochter brachte im Kindergartenalter lange damit zu, Deckchen hierhin und dahin zu legen. Mein Sohn kann dieselben Asterix-Hefte immer und immer wieder lesen. Derartiges Verhalten löst oft elterliche Sorgen aus. Sind sie gerechtfertigt? Keine Ahnung! Ich weiß nicht, wofür das alles gut ist, was Kinder so tun. Wir wissen, dass stundenlanges Fernsehen meistens schlecht ist, aber sonst nicht viel. Die Frage nach dem Rezept für Spitzenleistungen bleibt.

Forschen wir nach bei außergewöhnlichen Erwachsenen. Willkürlich herausgegriffen: Welcher Weg führt – möglichst gerade – dazu, eine ganz besondere Commedian wie z.B. Anke Engelke zu werden? Oder wie wird man ein berühmter Fernsehmoderator wie z.B. Günter Jauch? Beide sind Studienabbrecher. Aber der Studienabbruch an sich ist wohl kein generell zu empfehlendes Mittel.

Und wie steht es mit der Information, dass der führende und gefragte Topmanager Thomas Sattelberger in seiner Jugend links angehaucht war? Der Aufenthalt in linken Kreisen wird wohl kaum auf einer geraden Linie zum Personalvorstand führen. Aber nur ein bloßer Irrweg war es wohl auch nicht, denn solche Zeiten prägen die Persönlichkeit.

Und genau da liegt der Schlüssel! Wer eine Persönlichkeit hat, kann sich durch sie leiten lassen. Er oder sie darf den inneren Impulsen folgen. Notfalls auch ein Studium abbrechen. Grundsätzlich sinnvoll ist sicherlich, eine gewisse Struktur zu haben. Und auf die eigenen Talente zu lauschen. Aber wie ist das nun mit dem Erfolgsrezept, das alle Ratgeber herumschreien? D.h. Ein konkretes Ziel anvisieren und dies auf geradem Weg erreichen? Das mag okay sein für den Alltag. Aber für einen Lebensweg taugt es nicht! Insbesondere dann nicht, wenn rationale Ziele die innere Mission blockieren!

Auf eine Formel gebracht: Erstens: Ohne Persönlichkeit bringen Ziele nichts! Zweitens: Die Persönlichkeit ist bedeutender, als es die Ziele sind. Und drittens: Wer um rational gewählter Ziele willen prägende persönliche Erfahrungen versäumt, macht alles falsch.

4 Kommentare

  • Außergewöhnliches leistet man oft, wenn man gar keine direkten Ziele hat. Die behindern einen nämlich nicht selten. Wenn ich mich bei jeder Aktion fragen würde, was es bringt, würde ich nichts mehr hier im Web machen. Manchmal ist der Weg das Ziel. Warum denn ausgerechnet das Korea-ZDF? Ich glaub ich muss mir den Zornkönig jetzt doch mal bestellen. Der Lokalreporter ist aber auch ein Einflatspinsel 😉
    LG SH

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    • Hallo Svenja Hofert,

      danke für den Kommentar! Natürlich sind Lokal(Radio)reporter keinesfalls Einfaltspinsel! Der Zornkönig und der kleine Bruder “Change!” sind natürlich sehr lesenswert 😉 Korea-ZDF, weil das Buch auf koreanisch übersetzt ist und in Fernost vielleicht mehr Furore macht, wie hier. Aber auch hier kommen immer wieder Leute, die erkennen “Das ist es”.
      Zum Thema: An den Zielen hängt z.B. die Beratungsbranche. Deshalb gibt es auch auf xing gerade spannende Diskussionen zum Thema.
      Ohne Ziele ist viel Coaching-Arbeit unmöglich und konventionelle Karrierevorstellungen geraten ganz schön ins Wanken. Da fühlen sich schon ein paar Leute angesprochen, wenn ich die Nützlichkeit der Ziele in Frage stelle 😉

      Ist aber so, ja: Ziele stehen dem Weg oft entgegen und manchmal ist der Weg besser. Heute in einer SWR-2-Diskussion machten ebenfalls die sehr kompetenten Diskutanten darauf aufmerksam: Wahrnehmung ist aktiv. Wer Ziele setzt, nimmt bestimmte Dinge nicht mehr wahr. Es fehlt die Offenheit. Und ich meine, dass hieran auch das Selbstmissverständnis des Menschen hängt. Wir agieren nicht rational (Ziele), sondern werden von unserem Unbewussten gelenkt. Daraus folgt: Ziele entsprechen häufig der Rationalisierung. Sie entsprechen der nachträglichen Erklärung dessen, was anderweitig bestimmt wurde. Es passiert etwas. Und nachträglich wird Sinn konstruiert.

      Ich glaube, bis wir die grundlegenden Erkenntnisse der Gehirnforschung (die schon ein paar Jahre bekannt sind) in Handeln umsetzen, wird es noch ein paar Jahrzehnte dauern. Die Zieldiskussion ist dafür ein Beispiel.
      I

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  • Lieber Herr Burger, liebe Leserinnen und Leser,

    für mich ist es Zufall, hier einen Kommentar zu schreiben, denn Ihre Aufforderung über Xing kam für mich völlig zufällig. Und natürlich konnte ich nicht vorausahnen, dass es zu genau diesem Beitrag kommt, als ich im letzten Jahr mein Buch “Zufallstreffer – Vom erfolgreichen Umgang mit dem Unplanbaren” geschreiben habe.
    Und die Frage, ob es sinnvoll ist, diesen Kommentar zu schreiben im Hinblich auf meine privaten oder geschäftlichen ZIELE ist natürlich auch zweifelhaft, da niemand weiß, was sich aus diesen Zeilen in Ihrem Blog ergeben. Ein Kontakt zu einem neuen Kooperationspartner, zu einem neuen Schlüsselkunden, ein neuer Teilnehmer bei meinem Segeln mit Tiefgang? Oder eben auch einfach gar nichts.
    So folge ich also einfach meiner Intuition, die sagt, diese Zeilen bringen Spaß, das Umfeld stimmt und irgendwie passt es in mein Ziele-Visionen-Strategien Sammelsurium.
    Meine Erkenntnis durch die Arbeti am Buch ist, dass es mit Zielen und Visionen eine sehr individuelle Sache ist. Ob konkrete Smart-Ziele, bildhafte Motto-Ziele oder Visionen. Da lohnt es sich zu schauen, welche Form einen motiviert, leitet und die Energien und Ressourcen freisetzt, um das Leben gelassen und gekonnt zu leben.

    Zufällige Grüße
    Jens Braak

    http://www.zufallstreffer.com und http://www.braak.de

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