Bier, Klimastreik und Psycho-Logik

„Ist das hier Nufringen?“ fragte mich gestern die ältere Frau mit der verrutschten Brille in der S-Bahn, während wir an der Tür wartend auf einen Bahnhof zufuhren. „Ich glaube, ja“, erwiderte ich. Dann öffneten sich die Türen. Das Haltestellenschild passte. Ich stieg aus. Die Frau auch, aber protestierend: „Wieso sagen Sie, Sie glauben das und steigen dann aus? Dann müssen Sie das doch wissen?!“. Sie wurde von ihrem Enkel in Empfang genommen, das passte also, aber sie musste auch ihm gleich ihren Protest darlegen. Ich ging schmunzelnd weiter.

Unser gespaltenes Verhältnis zur Wirklichkeit

Ich lebe in der Realität. In der bin ich sterblich. Aber jetzt lebe ich. Wenn ich Alkohol trinke oder rauche oder nicht zur Vorsorge gehe, riskiere ich meine Gesundheit. Sagt die Wissenschaft. Zur Realität gehört auch: Ein zauberhaftes Lächeln, eine freundliche Geste, der Geruch frischer Luft. Unser Verhältnis zur Realität ist widersprüchlich. Oft handeln wir, als gäbe es kein Morgen. Und verpassen gleichzeitig wunderbare Momente im Jetzt. Beides wird dem Leben nicht gerecht.

Mit der Realität lässt sich nicht verhandeln und unsere Psycho-Logik ist ihr egal. CO2 kann man nicht sehen. Aber die Wissenschaft sagt: Es verschwindet nicht einfach im Weltraum, sondern reichert sich in der Atmosphäre an und heizt sie auf. Starkregen, Hitzewellen, Dürren im Sommer, der Anstieg des Meeresspiegels, Ernteausfälle und geflüchtete Menschen sind die Folge.

Hilft Psycho-Logik gegen reale Krisen?

Wenn ich am Freitag zum globalen Streik gehe, hat das reale Folgen. Wenn ich wegbleibe auch. Wenn ich am Sonntag grün wähle, hat das reale Konsequenzen – laut DIW die einzige Partei (über der Fünf-Prozent-Hürde), welche die reale Klimakrise halbwegs ernst nimmt. Und zwar auch, wenn ich psycho-logische Argumente dagegen finde: Ich mag vielleicht Annalena Baerbock nicht. Oder die Performance von Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg enttäuscht mich.

Die Folgen dieser fürs Klima und damit unsere Zukunft so entscheidenden Wahl werden mich und meine Kinder treffen. Genauso, wie mich mein Gebrauch von Wein, Bier oder Zigaretten trifft. Und die Frage, ob ich das Leben vor lauter Sorgen und Bedenken verpasse oder diesen Augenblick genieße. Das hat Folgen. Wenn nicht jetzt, dann später.

Die meisten Nicht-Raucher:innen halten sich an medizinisches Wissen und sind in Bezug auf Tabakkonsum frei von dem Aberglaube, das sei zwar grundsätzlich schädlich, aber für sie selbst nicht. In Punkto Klimaverhalten leben wir praktisch alle wie Süchtige, die ihren Lebensstil vor sich und anderen rechtfertigen müssen und bemühen viel Psycho-Logik, statt die Realität zu akzeptieren.

Die Realität ist der Augenblick – aber es folgen weitere

So werden viele zu Zweifler:innen: Ist Wissenschaft nicht auch immer unsicher? Klimagase wie CO2 kann man weder sehen, noch hören, noch riechen, noch schmecken. Computer-Simulationen sind komplex. Wissenschaftler:innen können sich täuschen. Gibt es all das wirklich? Und sind die Folgen tatsächlich so heftig, wie es die Forschung meint?

Ja, so sicher, wie ich in Nufringen ausgestiegen bin. Obwohl, selbst nachdem ich das Haltestellenschild gelesen habe und gut zu Hause angekommen bin, gilt letztlich: Können wir ganz ausschließen, dass wir nicht vielleicht in einer gigantischen Computer-Simulation leben? Nein. Aber es ist wohl unwahrscheinlich.

Wie würde ich bei der nächsten Gelegenheit dieser Frau richtig antworten? Ich würde genau dasselbe sagen, solange es draußen dunkel ist, die Anzeige in der S-Bahn fehlt und mir die volle Konzentration: „Ich glaube, das hier ist Nufringen.“ Ich glaube es zwar so fest, dass ich aussteige, sodass ich das Schild lesen und die Umgebung zuordnen kann. Wieder einsteigen kann ich dann immer noch. Aber wissen? Nein.

Wir müssen wissenschaftlichen Vorhersagen trauen, denn es gibt nichts Besseres. Unsere persönliche Psycho-Logik kann nicht dagegen an. Und wir sollten es zugleich ausnutzen, dass ein Glas Bier uns nicht sofort tötet und das überschüssige CO2 uns keine Ohrfeigen verpasst und das Leben genau jetzt auskosten. Es gibt nur diesen einen Moment. Aber es wird wahrscheinlich weitere geben. Und dafür ist das richtige Verhalten heute für später entscheidend.

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