Porträt Christoph Burger
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21.10.2011 Karriere mit Charakter

Arbeitskraft gefragt wie nie – Employer Branding unbekannt

Der Arbeitsmarkt überschlägt sich. Die Unternehmen suchen hilflos nach Fachkräften – Employer Branding ist dennoch ein unbekanntes Fremdwort. Mit dem englischen Begriff ist gemeint, dass der Arbeitgeber eine Marke ist und damit Fachkräfte anzieht. Bisher sind es eher Märkchen.

„Wir brauchen dringend einen Disponenten und einen Schichtleiter.“, sagt mir der Produktionsleiter. „Wie sollen die sein?“, frage ich zurück. „Stressressistent muss der Disponent sein. Wir sind im Aufbau, da geht es hoch her. Und der Schichtleiter, tja, sollte möglichst etwas Erfahrung haben.“ Was dann kommt, habe ich mir schon gedacht. „Gibt es die Profile irgendwo im Netz?“, frage ich. „Nein.“, sagt er kühn. Keine genauere Beschreibung der Anforderungen am Arbeitsplatz? Und „Stressressistenz“ als besonderes Merkmal einer Stellenbeschreibung? Wieso sollte sich da jemand bewerben?

Solche Gespräche habe ich diese Woche öfter geführt. Gestern folgte dann noch eine lange Unterhaltung in der ich Geschäftsleiter und Produktionsleiter eines Mittelständlers über alle möglichen Programme aufklärte, die die Arbeitsagentur bietet. Schade, dass das nicht direkt von der Agentur kam – oder dort abgefragt wurde. Was sich aufdrängt, ist der Eindruck: Vom jetzigen Stand, wie Unternehmen Mitarbeiter gewinnen, zu einem Employer Branding, das seinen Namen verdient, ist der Weg noch so weit wie vom Bodensee zum Mars.

Wenn die Unternehmen dringend Personal brauchen: Wie wollen sie es eigentlich gewinnen, wenn die Profile noch nicht mal im Netz recherchierbar sind? Wie kann es sein, dass ich die Mittelständler erst auf die Idee bringe, sich beispielsweise an Bildungsträger zu wenden, die bestimmte Berufe ausbilden oder Programme der Arbeitsagentur zu nutzen?

Klar, der war of talents tobt schon länger und viele Unternehmen bemühen sich redlich. Für die meisten gilt es allerdings zunächst mal, einfache Grundregeln zu lernen. Beispielsweise: Auf Bewerbungen zu reagieren. Es dürfte nicht sein, dass eine Personalerin mir sagt, „wir brauchen dringend Leute“, aber gute Bewerber auf mehrmalige Kontaktaufnahme hin noch keine Reaktion von ihrem Unternehmen erhalten haben. Solange die Personalabteilungen das ABC der professionellen Kommunikation nicht beherrschen, brauchen sie über weitergehende Maßnahmen des Employer Branding gar nicht erst nachdenken.

Nun ist beispielsweise der erstgenannte Produktionsleiter ein alter Coaching-Kunde von mir und ich habe vollstes Verständnis für die Hektik im Werk. Deswegen treffen wir uns auch nächste Woche zum Kaffee und ich hole mir die Profile halt ab. Das mache ich ohnehin am liebsten vor Ort. Aber auf der einen Seite drängende Personalprobleme und auf der anderen Seite verzweifelte Bewerber – das sollte wirklich nicht sein. Deshalb, liebe Unternehmen: Profile ins Netz stellen, bei Ausbildungsträgern präsent sein, die Agenturprogramme kennen und nutzen und das Kommunikations-ABC befolgen – damit kommen wir schon mal bis zum Mond – wenn obiger Vergleich stimmt. Das ist zwar noch nicht weit, angesichts der Strecke bis zum Mars. Aber gemessen an der Bodenhaftung am Bodensee schon ein entscheidendes Stück.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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