„Wir erleben gerade einen gesellschaftlichen Kipppunkt“

Portrait Prof. Dr. Christian Stöcker

Warum kennen Computer nur Information, sorgen aber für Desinformation? Wieso bringt uns die Exponentialfunktion in Gefahr, könnte uns aber auch retten? Der an der Hamburger HAW lehrende Prof. Dr. Christian Stöcker bringt jede Woche die eine Hälfte der Spiegel-Online-Leser:innen auf den neuesten Stand – und die andere Hälfte zuverlässig auf die Palme. Im Interview erklärt er, warum Menschen manchmal ganz schön dumm sein können, Maschinen aber extrem nützlich. Wieso die Wirtschaft oft ein falsches Menschenbild nutzt. Und weshalb er aus dem aktuellen Wandel in der PKW-Werbung eine positive Zukunft herausliest.

Herr Professor Stöcker, Sie haben ein Buch über die große Beschleunigung geschrieben. Was ist damit gemeint?

Der Begriff entstammt dem internationalen und interdisziplinären geosphere biosphere project, einem großen Konsortium von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Dort wurden 24 sozioökonomische und ökologische Indikatoren getrackt. Alle verändern sich sehr schnell und beschleunigt, viele exponentiell. Insbesondere ab etwa Mitte der 1950er-Jahre. Also: Ganz, ganz viel wird immer schneller und zwar schon seit vielen Jahrzehnten.

Was zum Beispiel?

Das Bevölkerungswachstum in Großstädten, die Zunahme von Tourismus und Telekommunikation, der Primärenergieverbrauch, die Entwaldung, Lachgas und CO2 in der Atmosphäre, das Nitrat in Küstengewässern. Im Buch betrachte ich dazu die exponentielle Entwicklung des Digitalen. Getragen wird diese Entwicklung aus meiner Sicht von drei Faktoren: Dem bis Anfang der 1960er-Jahre exponentiellen Wachstum der Weltbevölkerung, dem immer noch exponentiellen Wachstum der Weltwirtschaft (BIP) und dem seit den 1950er/1960er-Jahre exponentiellen Wachstum der digitalen bzw. technologischen Entwicklung.

Viel von dem, was da gerade geschieht, ist den meisten Menschen unbekannt. Was sollten Sie unbedingt wissen?

Hinter diesen beschleunigten Entwicklungen liegen technologische, ökologische und ökonomische Entwicklungen, die gar nicht so schwer zu verstehen und zu erklären sind, aber die bisher nicht zur Allgemeinbildung gehören. Die Tatsache, dass sich unsere Welt exponentiell verändert, ist den meisten Menschen immer noch nicht bekannt. Das halte ich für hoch problematisch. So sind wir immer wieder überrascht davon.

An der Klimakrise illustriert: Ottmar Edenhofer, der Co-Chef des PIK geht davon aus, dass wir auf eine Erde zusteuern, deren globale Mitteltemperatur im Jahr 2100 um 4 °C erhöht ist. Zwar ergäben die Versprechen der Staaten momentan einen Wert von circa 2,4 °C, aber diese Versprechen wurden bisher nie eingehalten. Ab 1,5°C drohen diverse Kippeffekte und damit letztlich der globale Kontrollverlust. Was bedeutet das konkret für unsere Gesellschaft, für Politik und Wirtschaft ab 2025?

“Ich finde, es ist deutlich zu früh, um die Hoffnung aufzugeben.”

Erstmal würde ich mich dieser extrem pessimistischen Prognose vorläufig weiterhin nicht anschließen. Ich finde, es ist deutlich zu früh, um die Hoffnung aufzugeben.

Welcher Annahme genau würden Sie nicht folgen?

Ich würde mich der 4°C-Annahme nicht anschließen. Ich finde es auch äußerst unbefriedigend, dass wir noch nicht mal Ziele, geschweige denn Maßnahmen formuliert haben, die tatsächlich reichen für einen 1,5°C-Pfad. Ich glaube auch nicht, dass wir die 1,5°C noch halten werden. Ich glaube aber nach wie vor – und zwar, weil uns die Exponentialfunktion da auch hilft -, dass manches schneller gehen kann, als wir uns das im Moment erträumen. Beispielsweise gibt es eine aktuelle Studie aus Oxford vom Sommer 2021, die zeigt, dass alle Erwartungen zum Preisverfall der Photovoltaik mit Wucht durchschlagen wurden: Es wurde viel stärker billiger, als erwartet. Windstrom wird immer billiger. Der Preis für Batterie-Kapazität fällt seit zehn Jahren exponentiell.

Setzen Sie auch auf einen gesellschaftlichen Kipppunkt?

Den erleben wir gerade. Ich finde die Fernsehwerbung hier bemerkenswert. RWE und Shell erzählen in ihren Spots ausschließlich darüber, wie sie jetzt die Welt retten. Und, noch bemerkenswerter: Es gibt fast keine Automobilwerbespotts mehr für Verbrenner-PKW. Und TV-Werbung ist die teuerste Werbung. Das kann man zwar zu Recht als Greenwashing kritisieren. Aber es zeigt auch, dass man das Gefühl hat: Das ist das Einzige, was man noch machen kann. Nur das kann man noch ins Schaufenster stellen. Das andere möchte man natürlich auch weiterhin verkaufen. Aber man stellt es nicht mehr ins Schaufenster. Das wird auch einen Sekundäreffekt haben. Die Werbewelt wird zu einer Art vagem Wunschbild für die eigene Existenz. Zum ersten Mal sind diese Idealbilder bestimmt von einer klimaneutralen Zukunft.

“Zum ersten Mal sind die Idealbilder der Werbung von einer klimaneutralen Zukunft bestimmt.”

Kommt das früh genug?

Es ist immerhin eine fundamentale Änderung in den letzten 2-3 Jahren zu beobachten. Tesla ist der wertvollste Automobilhersteller der Welt. Das liegt auch daran, dass die Leute, die auf Märkte wetten, der Meinung sind, dass der Verbrennungsmotor keine Zukunft hat. Das haben mittlerweile auch die deutschen Automobilhersteller wutentbrannt und zähneknirschend verstanden. Aber die Disruption hört nun einmal nicht mehr auf, wenn sie erst angefangen hat.

Die Innovation wird uns retten?

Ich bin kein großer Fan dieser Idee. Das heißt ja nur, irgendwann wird Harry Potter kommen und uns retten. Aber Fakt ist: Es gibt auch eine beschleunigte wissenschaftlich-technologische Entwicklung. Hier spielt maschinelles Lernen, digitale und Biotechnologie eine große Rolle. In der Materialforschung, der Biotechnologie und anderen Technologien werden in den nächsten Jahren Dinge passieren, die man sich im Moment nicht vorstellen kann. Und da kann man, weil der Druck so groß ist, schon die Hoffnung haben, dass uns das helfen kann.

In Ihrem Buch erklären Sie, Digitalisierung bedeute, etwas in Daten umzuwandeln. Mit diesen Daten kann man dann alles machen, sie zum Beispiel mit KI verarbeiten. Gleichzeitig ist eine Ihrer wichtigsten Botschaften, dass Computer keine Desinformation kennen. Was folgt daraus?

Desinformation ist für den Computer genau das Gleiche wie Information. Die Menge von Informationen, die in den sozialen Medien anfällt, ist nicht mehr manuell, sondern nur noch maschinell kuratierbar. Informationen, die entweder tief beeindrucken oder wütend machen, erzeugen Interaktion. Und das will das System. Damit wird Desinformation befördert.

“Desinformation ist für den Computer genau das Gleiche wie Information.”

Sie erklären, dass das Absolvieren eines Intelligenztests für einen Computer ein sehr einfaches Problem darstellt. Menschen sind von hoher Intelligenz bei sich selbst oder bei anderen hochgradig beeindruckt. Klarer kann man kaum zeigen, dass unsere Überlegenheit gegenüber den Computern an anderer Stelle zu suchen ist. Den Dingen Bedeutung verleihen ist etwas, das sie überhaupt nicht können, oder?

Wenn wir über KI sprechen, wird immer alles in einen Topf geworfen. Es gibt sogar im Silicon Valley Leute, die glauben, dass ein Computer irgendwann aufwacht und „Hallo“ sagt. Das kann ich nicht nachvollziehen. Aber was Maschinen stattdessen können, kann extrem nützlich sein. Ohne sie hätten wir keine mRNA-Impfstoffe. Die meisten Leute wissen immer noch nicht, dass wir diese Impfstoffe der Verzahnung von maschinellem Lernen bzw. KI und Biotechnologie verdanken. In vier Monaten war dieser Impfstoff fertig. Es hat zwölf Jahre gedauert, bis der erste Grippeimpfstoff entwickelt war.

Die psychologische Forschung zur Ich-Entwicklung erkundet, wie wir uns selbst und der Welt diese Bedeutung zuschreiben. Und wie wir uns darin weiterentwickeln. Das hieße, dass wir – falls es noch schiefgeht mit der Menschheit –, kaum an Dummheit im Sinne von geringem Verstand scheitern würden, wohl aber an Unter-Entwicklung?

Wenn wir es schaffen, unsere Zivilisation zu zerstören, kann man schon sagen, dass wir uns ganz schön dumm verhalten haben. Und das liegt dann möglicherweise daran, dass wir unterentwickelt waren. Das ist aber ein gefährliches Terrain und dünnes Eis, insbesondere politisch. Wir wissen ja noch gar nicht so lange, wie irrational wir eigentlich sind. Viele ökonomische Modelle gehen von einem Menschenbild aus, von dem die Psychologie seit vierzig Jahren weiß, dass es nicht stimmt.

“Wir wissen noch gar nicht so lange, wie irrational wir eigentlich sind.”

Das System der Gewaltenteilung und das wissenschaftliche System des institutionalisierten Zweifels sind gute Beispiele für Systeme die wir gebaut haben, um unsere eigene Unzulänglichkeit einzuhegen, in Schach zu halten. Sie können unsere Beschränkungen überwinden oder neutralisieren. So viele Erkenntnisse über uns selbst, wie wir jetzt haben, hatten wir noch nie. Das macht erstmal Hoffnung. Das Problem ist immer, dass wir unter so hohem Zeitdruck stehen.

Entwicklung ist ja immer in die Zukunft gerichtet. Ich glaube, so muss es sein. Denn die letzten vierzig Jahre haben wir nicht auf die Klimakrise reagiert. Gemessen am CO2-Ausstoß ist gar nichts passiert.

Ja, leider.

In welche Richtung sollten Menschen ihre berufliche Entwicklung in dieser Situation planen?

Die exponentiellen Entwicklungen hören nicht auf, im positiven wie im negativen Sinn. Die Welt wird in zehn Jahren komplett anders aussehen als jetzt. Genauso, wie sie heute komplett anders aussieht, als vor zehn Jahren, auch wenn uns das nicht so auffällt. Etwas, das Computer niemals können werden, ist Menschen sein. Alle Berufe, die damit zusammenhängen, dass man ein Mensch ist, sind aus meiner Sicht erstmal „KI-sicher“. Viele Berufe, wie putzen und kellnern, sind körperlich sehr komplex und von daher auch sicher.

Haben Sie Tipps für die Karriere in der Zukunft?

Ich weiß nicht, ob es möglich ist, sich karrieretechnisch auf eine Welt in einem jetzt schon nicht mehr abwendbaren Klimawandel vorzubereiten, der uns auf jeden Fall bevorsteht. Ein allgemeiner Ratschlag wird sein: Schau dir bitte an, was es bedeutet, wenn die Welt 1,5°C wärmer ist, als vorindustriell. Hat dein Job oder dein aktueller Plan dann noch Sinn? Ein Haus zu kaufen, das einen Meter über dem Meeresspiegel liegt oder ein Ski-Ressort in den Alpen aufzumachen, ist sicher eine schlechte Idee. Klimaanlagen werden sich in den nächsten zwanzig Jahren dagegen sicher besser verkaufen als aktuell.

Herr Prof. Dr. Stöcker, Herzlichen Dank für das Interview!

Prof. Dr. Christian Stöcker, geb. 1973, leitet an der HAW Hamburg den Master-Studiengang Digitale Kommunikation und mehrere Forschungsprojekte, die sich mit Fragen der Wechselwirkung von digitaler Medientechnologie und Öffentlichkeit befassen. Zuvor arbeitete er über 11 Jahre als Redakteur und Ressortleiter in der Redaktion von SPIEGEL ONLINE. Stöcker verfügt über Abschlüsse in Psychologie (Diplom) und Kulturkritik.

Hier geht es zum Buch von Prof. Dr. Christian Stöcker, in dem es viele Hintergründe nachzulesen gibt. buch7

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