Zuletzt hatte ich hier in einem viel gelesenen Artikel über die Zukunft der Arbeit geschrieben. Anhand der Arbeitslosen-Kurve sieht man, wieso Bewerbungsbücher in den 1980er und 1990er Jahren aufkamen. Im Jahr 2000 wurde dann Richard Nelson Bolles “Durchstarten zum Traumjob” in deutscher Sprache veröffentlicht und beeinflusste uns Berater sehr. In dieser scheinbar immer noch sehr zeitgemäßen Life/Work-Planning-Methode gehen Bewerber von ihren Fähigkeiten aus und suchen dann die passende Firma. Wieso halte ich das für veraltet?

Bolles Kern: Fähigkeiten

Nach Bolles sollten wir bei der Arbeitssuche ganz breit beginnen: Bei einem allgemeinen Fähigkeiten-Check. Was jeder kann, wird in Verben wie “Organisieren”, “Planen”, “Durchführen” erfasst. Die schlaue Idee dahinter lautet, dass die Arbeitgeber letztlich Fähigkeiten bezahlen. Dabei komme es weniger auf den konkreten Beruf an, als auf das, was man tut. Eben z.B. organisieren. Damit erweitert sich das Blickfeld für Arbeitssuchende. Statt nur die begonnene Laufbahn fortzuschreiben, kommen auch Wechsel in angrenzende oder ganz andere Bereiche in Betracht. Hauptsache, die eigenen Top-Fähigkeiten kommen zum Einsatz.

Fähigkeiten sind auf den Charakter aufgesetzt

Die Grundidee, den Blick zu weiten, ist klasse. Aber das Erfassen der Fähigkeiten reicht nicht aus. Während Fähigkeiten erlernbar sind, steht der Charakter weitgehend fest. Anders gesagt: Die Fähigkeiten setzen auf dem Charakter auf. Je nachdem, ob einer z.B. eher ein kreativer Künstlerkopf, ein Organisationstyp oder ein Verkaufsgenie ist, kommt dann Unterschiedliches heraus. Alle können organisieren lernen. Aber der Organisationstyp geht im Abstimmen, Abarbeiten der Pläne und Kontrollieren der Aufgaben auf. Der Verkäufertyp zieht seinen persönlichen Gewinn aus dem menschlichen Kontakt. Und der kreative Künstlerkopf hat Ideen für ungewöhnliche Organisationsvarianten. Klar, er organisiert auch und kann das auch – gelernt ist gelernt. Aber das ist nicht sein “Markenkern”, wie man heute sagt. Bolles erfasst, wie er zutreffend formuliert, “verkaufbare Fähigkeiten”. Die besondere Persönlichkeit, nach der heute alle Unternehmen fragen, ist indessen etwas anderes. Wer verkaufbare Fähigkeiten wie “organisieren” und “begeistern” zusammen puzzelt, kommt ihr nur unwesentlich näher. Zur Beschreibung des Charakters braucht es bestimmte, andere Methoden. Der Charakter ist die Basis, darauf werden die Fähigkeiten aufgebaut und am Ende krönt die Berufserfahrung das Bauwerk. So herum wird die Karriere auf die Beine gestellt.

Fähigkeiten sind erlernbar – der Charakter steht fest

Organisieren, programmieren, abarbeiten, absprechen – das alles kann man lernen. Je nach Lerngelegenheit funktioniert diese Anpassung an die Anforderungen des Lebens unterschiedlich gut. Aber grundsätzlich gibt es keinen genetischen Anteil: Ein durchschnittlich begabter Mensch kann so etwas lernen. Der Kern der Lernzeit beginnt meist mit der Berufsausbildung – also relativ spät im Leben. Anders beim Charakter: Die genetische Ausstattung ist hier deutlich ausgeprägt. Dazu kommen ganz frühe Umwelt-Einflüsse wie die Geburt und die ersten Lebensjahre, dann die Kindheit. In der Pubertät erfährt das Gehirn nochmals einen deutlichen Umbau. Zu Beginn der Berufserfahrung steht der Charakter dann im Wesentlichen fest. Wenn das so ist, sollten wir darauf die Karriere aufbauen – nicht auf Fähigkeiten, die erst jetzt erlernt werden.

Fähigkeiten verkaufen ist ein Ansatz für schlechte Arbeitsmärkte

Aufgrund des kommenden Fachkräftemangels (siehe dazu wiederum “Der Arbeitsmarkt der Zukunft in zwei Grafiken“) werden die Chancen für Arbeitssuchende in den nächsten Jahren erheblich steigen. Der Markt dreht sich zu ihren Gunsten. Bolles bietet im Grunde nur eine Fortsetzung der Bewerbungsratgeber mit anderen Mitteln. Beides läuft darauf hinaus, den Arbeitgebern hinterher zu laufen. Angesichts der demographischen Kurve immer mehr ein Ansatz der Vergangenheit.

Karriere mit Charakter – der Ansatz für die Zukunft

Ich behaupte nicht, dass wir heute schon das Paradies für die Arbeitnehmer auf Erden haben. Einen ausgesprochenen Fachkräftemangel gibt es nur in einigen Berufen. Auch in Zukunft werden die Aussichten nicht für alle Berufe brillant sein. Es wird aussterbende Jobs geben, die Nachfrage nach Arbeitskräften für einfachste Tätigkeiten wird weiter zurück gehen. Aber der Arbeitsmarkt insgesamt wird sich entspannen. Lange Jahre habe ich die Work-Life-Planning-Methode von Bolles mit Erfolg angewandt und werde es auch weiter als ein Mittel der Wahl tun. Genauso wie ich heute wie auch in Zukunft Bewerbungsunterlagen optimieren werde. Aber das alles ist auf Sand gebaut, wenn die Beratung nicht auf dem wahren Kern des Bewerbers ruht: Seiner Persönlichkeit. Und diese zeigt sich beispielsweise deutlicher, wenn ich frage, wann und warum ein Mensch mit anderen aneinander gerät, als im Erfassen seiner Fähigkeiten. Selbst wenn diese top sind und sich prima verkaufen lassen.

Ein Kommentar

  • Einen flächendeckenden Fachkräftemangel gibt es in Deutschland nicht. Dies ist nur in vereinzelten Berufsgruppen wie z. B. der Pflege oder Erziehung der Fall und auch der ist hausgemacht.

    Des Weiteren gibt es jedoch jede Menge Arbeitgeber, die keine Arbeitnehmer, die über 40 Jahre alt sind, mehr einstellen möchten. Warum auch immer…

    Ein Vorteil der Life/Planning Methode ist die Kommunikation mit den Arbeitgebern auf Augenhöhe. Bei den herkömmlichen Bewerbungsverfahren gibt es diese leider nicht, denn der Bewerber möchte ja etwas vom Unternehmen – nämlich einen Job. Hinzukommt auch, dass die wenigsten Stellen noch ausgeschrieben werden. Bewirbt man sich dann doch mal auf eine solche Stelle, bewerben sich häufig viele. 100 bis 200 Bewebungen auf eine Stelle sind keine Seltenheit. Was meinen Sie – wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass genau diese eine Bewerbung dann zum Zuge kommt? Richtig – sie liegt bei unter einem Prozent. Das ist m. E. die Zeit eine Bewerbung zu schreiben, nicht wert.

    M. E. ist die Methode eine herkömmliche Bewerbung zu schreiben – veraltet.

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