Die Anti-Rhetoriker live

Peter Hank, CDU, und Dr. Birgit Arnold von der FDP lieferten jüngst ein Lehrstück, wie man in einer Podiumsdiskussion scheitert.

Anlass war der sogenannte “Tag der Bildungsvielfalt”, eine Veranstaltung zum Stellenwert der freien Schulen, am 11. Februar in Stuttgart. Mit welchem Publikum die Vertreter der baden-württembergischen Landesregierung es zu tun bekommen würden, war schnell klargestellt. Bei der Nennung ihrer Namen verhallten einige höfliche Klatscher im Raum. Dann kam Winfried Kretschmann. Der grüne Spitzenkandidat bei der anstehenden Landtagswahl bekam vom überwiegend jugendlichen Publikum Applaus wie ein Teenie-Star. Um es noch zu verschlimmern: Nicht einmal die Moderation schien neutral zu sein. Nach der Absage der CDU-Bildungsministerin beließ die Moderatorin demonstrativ einen leeren Stuhl auf der Bühne.

Die inhaltliche Ausgangslage war zudem fatal. Hank und Arnold mussten ein gebrochenes Versprechen erklären. Die Regierung hatte vor der letzten Wahl unmissverständlich eine 80-Prozentige Förderung der freien Schulen mit deren Vertretern verabredet. Das hielt sie nicht ein. Was macht man bei einer unlösbaren Aufgabe? Man gibt alles und scheitert in Ehren. Man zeigt, dass zumindest die Richtung stimmt. Man demonstriert, dass man die Messlatte beim nächsten Mal überqueren könnte. Die beiden verhielten sich jedoch wie lahme Hochspringer, die sich vor der Sprunganlage in den Boden buddeln. Sie machten aus der schwierigen Situation eine rethorische Großkatastrophe.

Lange, schwer verständliche Sätze? Geschenkt! Monotone Monologe? Verkraftbar. Nein, sie gaben eine Blamage auf offener Bühne! CDU-MDL Peter Hank verstieg sich darin, dem Publikum dessen gelegentliche Meinungsbekundungen vorzuwerfen. Fanden seine Worte nicht den gewünschten Beifall oder lösten sie ein paar Buhrufe aus, schwieg er und schaute trotzig und beleidigt ins Publikum. Dann beschwerte er sich. Zuhören sollten die Zuhörer gefälligst, und zwar schön still. So quälte er sich durch den Abend und wurde immer unbeliebter.

Gut gelöst hätte er die Situation mit einem anderen Blickwinkel: Wann kommen so viele Schüler schon freiwillig zu einer politischen Veranstaltung? Hier hatte er es mit politikinteressierten, aufgeweckten und demokratischen Jugendlichen zu tun. Dazu hätte Herr Hank dem Publikum gratulieren können – und Punkte gesammelt! Stattdessen, oh Graus: Ein Statement begann er mit den Worten “Ich persönlich würde meine Kinder nie auf eine Waldorfschule schicken …” Die offensichtlich in großer Zahl angereisten Waldorfschüler quittierten dies sofort mit heftigen Buhrufen. Er schaute wiederum still anklagend ins Auditorium. Dann setzte er wieder an, erntete Zurufe, schwieg.

Was wäre eine rhetorisch gute Lösung gewesen? Er hätte beispielsweise sagen können: “Ich entnehme Ihrer Reaktion, dass Sie auf der Waldorfschule sind und sich da wohl fühlen. Das ist in Ordnung. Bei meinen Kindern …” Voraussetzung dazu ist natürlich eine gewisse Souveränität, eine innere Ausgeglichenheit, die Volksvertreter Hank nicht besaß.

Frau Dr. Arnold wiederum kam längere Zeit nicht zu Wort. Sie hatte sich also sortieren und ihr nächstes Statement vorbereiten können. Doch was kam dann? Frau Arnold sagte zur Tatsache, dass die Regierung ihr Versprechen von 2006 nicht einhalten konnte: Dies habe zwei klar ersichtliche, verständliche Gründe gehabt. Erstens sei die demographische Entwicklung damals nicht abzusehen gewesen…. Prompt reagierten die aufmerksamen Zuhörer mit Buhrufen. Hätte Frau Arnold einen Moment ihr Argument geprüft, hätte sie von den jungen Zuhörern gelernt. Alle Schulanfänger des letzten Jahres, waren schließlich 2006 längst geboren. Der Gedanke, man sei von der Anzahl der 6-Jährigen im Jahre 2010 überrascht gewesen und habe diese Menge vier Jahre zuvor noch überhaupt nicht erahnen können, ist also hanebüchen. Doch wie schlechte Rethoriker sind: Sie können nicht zuhören. So blieb sie bei ihrem “Argument”. Und sie setzte sogar noch einen drauf: Sie beschwerte sich, die Schüler sollten gefälligst still sein im Namen der Demokratie! Demokratie ist also dann, wenn einige Auserwählte Blödsinn verzapfen und der Rest Beifall klatscht?

Insgesamt bewiesen die beiden Anti-Rhetoriker: 1.) Redner sollten sich auf ihr zu erwartendes Publikum einstellen. 2.) Publikumsbeschimpfungen sind nie gut für den Redner. 3.) Anderen und sich selbst kritisch zuhören zu können ist die Voraussetzung guter Rhetorik. 4.) Politiker mit dem Selbstbild, dass sie auf der Bühne sprechen und jugendliche Zuhörer konsequent schweigen sollen, verschlimmern ihre Lage.

Wie man Dinge auf den Punkt bringt, zeigte übrigens am Ende eine Schülerin. Als sie ans Mikro durfte, fragte sie: “Wenn ich jetzt nur zu 70 Prozent gefördert werde, ist es dann okay, wenn ich später auch nur 70 % Steuern zahle?”

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