Das ideale Seminar

Manchmal gelingt das: Die Trennung zwischen DozentInnen und Studierenden verschwindet. Alle arbeiten an einem gemeinsamen Projekt. Es geht nicht mehr darum, wer in welcher Rolle ins Seminar gestartet ist. Bewertungen der Dozierenden werden zu wertvollen Hinweisen, statt zur Rüge von oben. Beiträge der Studierenden werden nicht als Leistungen erbracht, die später aufgerechnet und in Noten gestanzt werden. Sie stellen eine Lebensäußerung dar, natürlich, normal und zielführend, wie der Gang zum Wasserhahn, wenn man durstig ist. Es wird nicht geredet, um Mitarbeit abzuliefern, sondern weil die Sprache unser Ausdrucksmittel ist. Es gibt keinen Zensor, der anmahnt, eine Frage könnte kritisch aufgenommen werden. Sondern es wird gefragt, weil man etwas wissen möchte. Es wird nicht vorsichtig nach rechts und links geschaut, was die anderen wohl machen. Denn die nehmen ebenfalls mit voller Kraft teil, so wie man selbst. Es ist keine Lehrveranstaltung, sondern Leben. Keine Investition, um eine Prüfung zu erlangen. Keine Zeit zum Abzuhaken, bevor man zum eigentlichen Leben zurückkehrt.

Der Rahmen ist ungünstig

Damit das ideale Seminar gelingt, müssen alle dazu beitragen. Denn der Rahmen gibt so etwas eigentlich kaum her. Einer bestimmten Zeit entsprechen eine bestimmte Anzahl Punkte. Wer genug Punkte sammelt, bekommt den Studienabschluss. Zeit lässt sich rumbringen, das wissen DozentInnen, die zu ihrer Forschung oder Familie zurück möchten und Studierende, die es zu den Freunden oder zum Sport drängt. Es geht also auch ohne Interesse und echte Teilnahme. Der Evaluationsbogen, mit dem Dozenten bewertet werden, bekommt dann an der Stelle Relevanz, an der es heißt: Der Dozent konnte mich für sein Fach begeistern. Die Rolle des Lehrenden als Pausenclown.

Voraussetzung des Gelingens

Wenn es klappt und alle ein Mindestmaß an Bemühen investiert und anständig ihre Rollen eingenommen haben, bekommen alle gute Noten. Dozierende für ihre Leistung, Studierende für ihre Beiträge. Alles im Sinne des Systems Universität. Bei denen, die eigentlich mehr wollen im Leben, die danach suchen, möglichst große Anteile ihrer persönlichen Zeit wirklich zu leben, statt auf später zu warten, bleibt dennoch ein schales Gefühl. Es lässt sich so formulieren: „Wir haben alle erfolgreich unsere Rollen gespielt. Die StudentInnen haben StudentInnen gespielt, die DozenInnen haben die DozentInnen gegeben.“ Mit wirklichem Leben hat das nicht so viel zu tun. Und doch wird auf diese Weise viel Zeit verbracht. Begünstigt von einem System, in dem Zeit in Punkte und Punkte in Studienabschlüsse umgerechnet werden. Und Evaluationsbögen fragen, ob die Clownrolle erfolgreich ausgeübt wurde. Und viele Kollegen fühlen sich toll in der Clownrolle, v.a. Trainer in der freien Wirtschaft. Viele Unternehmen engagieren Trainer dafür: Dass hinterher alle begeistert sind, obwohl alle bei ihren Rollen geblieben sind, statt sich zu begegnen. Alles toll, aber eigentlich und im Grunde ist nichts passiert.

Und manchmal gelingt das ideale Seminar.

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