Porträt Christoph Burger
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04.03.2012 Karriereplanung

Charakterschweine tragen Prada – Was das Outfit mit dem Charakter zu tun hat

„Als Joschka Fischer anfing, Armani-Anzüge zu tragen, verriet er seine Ideale“ – so sagte ein befreundeter Jobcoach zu mir. Damit warf er die Frage auf: Kann man von der Kleidung auf den Charakter schließen?

Erschreckendes Erlebnis

Der Hauptimpuls für diesen Artikel liegt schon ein paar Jahre zurück. In Hannover hatte ich ein Erlebnis der besonderen Art. Nach meinem Tagestermin bei den Freunden der Unternehmensberatung Humanagement behielt ich meine Kleidung an. Also fuhr ich per Straßenbahn ins Kino, mit Anzug und preisgünstigem, aber elegantem Mantel. Danach ging es auf gleichem Wege zurück. Mittlerweile war es gegen 23 Uhr. Offenbar war ich um diese Zeit an diesem Ort der falsche Mann – und vor allem falsch gekleidet. Zwei junge Typen, die mit mir in der Straßenbahn saßen, schauten immer wieder zu mir herüber und machten Bemerkungen – die ich überhörte. Im Aussteigen wurden sie lauter und schrien gar, nun schon draußen, herum: „Da sitzt der feine Pinkel im Anzug und mit Hannover-Stadtplan im Mantel.“ Als die Straßenbahn anfuhr, vollbrachte der eine der beiden einen Kopfstoß gegen die Scheibe!

Hallo Hannover?

Heute denke ich, die müssen mit bewusstseinsveränderten Stoffen zugedröhnt gewesen sein. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass mir so etwas in Stuttgart passieren würde. (Sorry, Hannoveraner: Ihr seid ja auch die Stadt, die das Rotlichtviertel direkt in der Innenstadt platziert hat, oder ???!). Vielleicht ist Stuttgart auch langweilig bürgerlich. Oder einfach insgesamt reich? Ich lebe jedenfalls ganz gerne mit einem sicheren Gefühl – aber weiter im Thema.

Alternative diskutieren anders

Später diskutierte ich das Thema mit einem Freund, einem Alt-Linken, dessen politisches Engagement allerdings schon länger zurück liegt. Seinen Look hat er sich aber von damals bewahrt. Ein Quasi-Protest gegen die Gesellschaft. Sein Job als Selbständiger im Gesundheitlich-Sozialen stellt keine weiteren Anforderungen an das Äußere. Mein Outfit heizte die Diskussion an. Muss ich mir Anpassung vorwerfen lassen? Trifft für mich Ähnliches zu wie auf Joschka Fischer und Gerhard Schröder, denen Kritiker vorwerfen, im schicken Zwirn von Armani (Fischer) bzw. Brioni (Schröder) den Sozialstaat ausgehöhlt zu haben? Ein Ex-Steinewerfer und ein Putzfrauen-Sohn, deren Verrat „am Guten“ man ihnen nun schon von weitem ansieht?

Spießer-Denken

Meine Antwort fällt zweigeteilt aus. Erstens wurde mir klar: Das pauschale Urteil „Wer im Anzug steckt, ist ein Spießer“ ist exakt genauso spießerhaft, wie die Behauptung „wer Jeans und Pullover trägt, ist ein linker Chaot“. Die Aussage „die meisten Anzugträger sind angepasst“ ist statistisch belegbar. Die Behauptung „Alle Anzugträger sind angepasst“ ist jedoch ein jämmerliches, pauschales, spießermäßiges Vorurteil! Wenn auch bei (Alt-) Linken verbreitet.

Anerkennen der Uniformen

Zweitens: Uniformhafter Kleiderzwang ist okay. Beispielsweise trage ich beim Reden vor Sparkassen-Mitarbeitern Anzug und Krawatte. Sonst hören sie mir nicht zu. Es ist für mich auch ein Zeichen des Respekts, mich ebenfalls in die „Uniform“ zu zwängen, die sie tragen müssen. Den Inhalt meines Vortrags presse ich damit noch lange nicht in Form. Uniformartige Gepflogenheiten zu bedienen heißt nicht, sich anzupassen.

Charakterschweine tragen Prada

Es gibt nun auch eine Liga, in der Prada zur Uniform gehört. Jenseits dessen funktioniert jedoch das Argument „Prada ist schön, ein ästhetischer Gewinn, gut designt“ nur im Ausnahmefall. Beispielsweise finde ich es okay, wenn sich jemand ausnahmsweise etwas Schönes leistet, aber sein Geld ansonsten non-egoistisch einsetzt. Wer jedoch täglich von Kopf bis Fuß mit dem Teuersten ausgestattet ist … Sorry, das sehe ich (wenn Sie wollen moralinsauer) so: Vom moralischen Standpunkt aus gibt es keinerlei Rechtfertigung für Reiche, ihr Geld zu verprassen, wenn auf der anderen Seite des Erdballs Menschen verhungern. Das selbe Argument gilt in meinen Augen für die Fortbewegung. So wunderte sich eine Freundin, als ich mit meinem Kleinwagen vorfuhr: „Was, das ist dein Auto? Ich dachte, du hast einen Geschäftswagen?“ Ja, habe ich. Deswegen kann ich trotzdem von A nach B kommen und CO2 sparen. Und für Porsche Cayenne-Fahrer, die 20 Liter Super pro Kilometer in Abgase verwandeln, gilt für mich dasselbe, wie für Prada-Träger: Ich würde niemand sofort deswegen verurteilen. Oder auch nur zu einer Rechtfertigung zwingen.

Merkwürdige Minderheit

Ich werde keinen Kunden zurückweisen, weil er das Falsche trägt oder fährt. Nein, ich schwinge mich für die Banker selbst in den Anzug und rede gerne mit den Cayenne-Freaks –  wie mit jedem Menschen. Das wird jedoch nichts an meinem (wenn Sie wollen moralinsauren) Standpunkt ändern. Ich weiß, dass ich anders als die meisten bin, wenn ich uniformhafte Rahmen akzeptiere und mitmache. Und ich bin anders als die meisten, wenn ich dennoch grundlegende Überzeugungen bewahre. In beidem bin ich die Ausnahme. Aber das, so meine ich, ist gut so.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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