Porträt Christoph Burger
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24.06.2017 Allgemein

Stell dir vor, es ist Kasperle-Theater – und alle Figuren sind von den Grünen

Monatelang dümpelte der Wahlkampf der Grünen vor sich hin – nichts los! Langweilige Konsens-Spitzenkandidaten, Langzeitthemen ohne aktuelle Brisanz. Aber jetzt: „Schwachsinnstermin!“ ruft Kretschmann. „Jede Garage eine E-Tankstelle“ gibt Hofreiter zurück. Wow, danke, weiter so! Unterhaltet uns gut – so gewinnt ihr auch die Wahl!

Der grüne Schulz-Schock

Kurz vor dem SPD-Schulz-Coup kürten die Grünen ihre Spitzenkandidaten. Frau Göring-Eckardt und Herr Özdemir, trotz Realos anschlussfähig nach links und rechts. Richtung Gabriel und Richtung Merkel. Dann kam Schulz – und verdrängte die grünen Hoffungen.

Endlich ist was los, dachten die Genossen und freuten sich. Und die SPD Umfragewerte schossen tatsächlich durch die Decke. Danach fielen sie aber nach und nach wieder ab. Denn Schulz lieferte nicht – mit „so ähnlich wie bisher, nur ein bißchen anders“ gibt es halt keinen Blumentopf zu gewinnen. Eine amtierende, etablierte Kanzlerin lässt sich so keinesfalls wirksam angreifen. Den schönsten Satz dazu las ich in der taz: „Schulz reist viel umher, aber sagt nicht, wo er steht.“

Inzwischen hat er es ein bißchen gesagt – aber viel war es nicht. Vor allem viel zu brav das alles, kontrastarm, furchtsam. Nur niemand verschrecken. Aber, mal ehrlich: Staatstragend sein als Herausforderer? Vergiss es, Schulz! Das kann Frau Merkel qua Amt besser. Und das sogar, ohne was dafür zu tun. Auf dieser Welle plätschert sie automatisch zum Sieg.

Trotz SPD-Rückgang blieben die Grünen in den Umfragen gedätscht auf schlechten 7-8 Prozent hängen. Seither überlegen sie krampfhaft, wie sie die Aufmerksamkeit erregen können.

Einheit vor Wahlen? Muss nicht sein!

Die gängige Vorstellung der Öffentlichkeit ist: Die Partei muss sich als Einheit vor den Wahlen hinter die Spitzenkandidaten stellen. Je enger es wird, umso mehr. Streit ist schlecht.

Wer wäre ich, dem zu widersprechen (als Autor zweier Bücher über die positive Wirkung von Ärger und Wut ….)?!? Es mag ja sein, dass eine zerstrittene Partei eher weniger gewählt wird. Aber das hier, was die Grünen jetzt liefern, ist Kasperle-Theater at its best!

Kasperle-Theater bei den Grünen

Kretschmann, Ober-Realo und parteiübergreifender Sympathie-Träger greift an: 2030 sei ein „Schwachsinnstermin“ als Beginn für das Verbot der Neuzulassung von PKW mit Verbrenner-Motor. „Wir haben an großen Tankstellen vielleicht Platz für 10 Autos … jetzt dauert das aber bei denen (E-Autos] 20 Minuten. Jetzt, wie soll das funktionieren? Ihr habt keine Ahnung!“ empört er sich gegenüber einem Parteifreund. Das wurde heimlich gefilmt und auf einer rechtslastigen Plattform veröffentlicht.

Jetzt kontert Fraktions-Chef Anton Hofreiter vom Fundi-Flügel: „Anders als bei Diesel und Benzin braucht es für die E-Mobilität keine zentralen Tankstellen“. Und: „Jeder Parkplatz, jede Garage kann zu einer kleinen E-Tankstelle werden.“

Herrlich! Kasperle haut mit großem Trara den Räuber. Dieser klaut daraufhin der Großmutter das Fahrrad und brennt damit durch. Kasperle-Kretschmann wirft sich in seinen neuen Diesel und nimmt die Verfolgungsjagd auf. Hinter den beiden, Räuber und Kasperle, folgt eine Horde Grünen und schreit: „Vertragt euch!“ Und auf beiden Seiten feuert das elektrisierte Publikum den einen oder den anderen an. Welch Aufregung! Was für ein Schauspiel!

Streit statt Eintracht?

Wieland Backes hat seine Talk-Show „Nachtcafe“ zum Quotengarant und TV-Dauerbrenner gemacht, indem er die Gästerunde nach dem Prinzip des Kasperle-Theaters besetzte. Er garantierte damit für die Zuschauer „anregende Unterhaltung“, wie es im Werbespruch für die Sendung hieß. Genau das machen gerade die Grünen.

Jede Patei kämpft vor der Wahl darum, das Thema zu besetzen, um das es sich im Wahlkampf dreht. Das Prinzip dabei lautet: Wenn die anderen über mein Thema diskutieren, gewinne unter dem Strich ich. Fast egal, wie die Diskussion im einzelnen verläuft.

Was nun die Grünen leisten, ist besser, viel besser! Sie besetzen nicht nur das Thema, sondern stellen auch noch alle Darsteller. Genial! Günstiger kann es für die Partei nimmermehr laufen! Wie könnte das Langzeit-Thema Energiewende wirksamer ins Rampenlicht gerückt werden? Wer würde anders auf gute, realistische, aber kleinteilige Argumente hören, wie sie Hofreiter liefert? Ja, Hofreiter – der mit der unmöglichen Frisur, dem man schon aus optischen Gründen nicht zuhören mag? Jetzt aber geht es! Weiter so, Grüne, ich bin gespannt auf die Fortsetzung.

Liebe Grüne, eine Bitte: Macht weiter!

Und vor allem, wenn ich mir etwas wünschen darf: Macht weiter so! Spielt das Stück, füllt es aus, treibt es auf die Spitze. Verfallt bloß nicht auf die Idee, es müsse Eintracht unter euch herrschen. Liefert bitte „anregende Unterhaltung“, mit echten Emotionen. Regt euch auf, fetzt euch, kloppt euch um das große Zukunftsthema Energiewende und wie sie anzugehen ist.

„Energiewende“, das klingt so langweilig. Obwohl es so wichtig ist. Aber Streit und sich wieder vertragen, das ist menschlich. Es zieht an, begeistert in einer glattgebügelten Medienwelt. Geleckte Politikerfassaden – welch Greul. Abgeschmackte Polit-Phrasen, künstliche Aufregung – igitt! Aber echte Emotionen und Ausraster? Wow! Und dann auch noch: Streit letztlich um der Sache willen? Grandios! Demokratisch! So wird Politik interessant!

Vergesst das Gesetz, nach dem man sich auf der Bühne vertragen muss. Das ist eine Lüge, ein gigantischer Trugschluss! Kultiviert stattdessen das Kasperle-Theater, dann wird es großartig, ein Grund, sich wirklich auf diesen Wahlkampf zu freuen. Vielleicht geht das auch mit den anderen urgrünen Themen?

Versucht es getrost. Die geeigneten Protagonisten – mit Kretschmann, Hofreiter und den anderen – habt ihr allemal! Ich werde ganz bestimmt wieder einschalten, wenn ihr es gut macht und die Spannung hoch haltet – und ich bin sicherlich nicht der einzige.

P.S. Mit der politisch-inkorrekten Sprache in diesem Post will ich keinesfalls ausdrücken, dass die genannten Protagonisten der Politiker-Szene keine ernsthafte, gute Arbeit machen, im Gegenteil. Mir ist wohl bewusst, dass ich als Politiker nie hätte so schreiben dürfen – auch nicht als politischer Journalist o.ä.. Auf diesem Blog und als „Unabhängiger“ aber nehme ich mir die Freiheit. Nichtsdestotrotz ist mein Anliegen sehr ernst gemeint. Es gibt in der Politik starke psychologische Effekte (siehe den Schulz-Hype). Ich respektiere die Arbeit, die authentischen Bemühungen und den Verve von Kretschmann wie Hofreiter ausdrücklich.



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Christoph Burger

Christoph Burger ist Diplom-Psychologe und Autor des Buches "Karriere ohne Schleimspur", das 2012 als eines der besten Managementbücher des Jahres ausgezeichnet wurde. Er arbeitet als Karriereberater in Herrenberg bei Stuttgart.

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