Stärken stärken – Replik auf Svenja Hofert

“Lebe deine Stärken” – eine Aufforderung, die schon vielen geholfen hat. Meine geschätzte Kollegin Svenja Hofert hat das kritisch diskutiert. Hier meine Antwort.

Ein in die Jahre gekommener Gedanke

Sich auf die Stärken konzentrieren – das war vor einigen Jahren ein neuer, überraschender Gedanke. Warum? Weil die meisten Menschen, Lehrer und Führungskräfte sich notorisch aufs Meckern konzentrieren. Welches schulische Ergebnis bemerken die Eltern? Das eine Fach, indem die Tochter eine Fünf hat. Ihre gewöhnlichen Einsen und Zweien fallen nicht aus dem Rahmen und werden kaum goutiert. Falls es dem Sohn umgekehrt gelingen sollte, aus seinem üblichen, mäßigen Noten-Niveau aufwärts auszubrechen, bekommt er wahrscheinlich zu hören: “Na also, es geht doch. Warum nicht auch in den anderen Fächern?” Und bei den Schwaben heißt es: “Nit g’meckert, isch g’nug gelobt.”

Unser Negativ-Gen

Im Journalismus ist bekannt, dass sich die Menschen vor allem auf die negativen Nachrichten stürzen. Warum? Das liegt an der Menschheitsgeschichte. Wenn unsere Vorfahren satt am Feuer hockten, waren sie schwer zum Beutemachen zu motivieren. Drohte ihnen dagegen Gefahr, mussten sie schnell auf den Beinen sein. Oder sie konnten keine Nachkommen mehr zeugen (und ihre Trägheitsgene weitergeben).

Da inzwischen die meisten Trainer auf das Credo “Stärken stärken” eingeschwenkt sind, scheint diese Aufforderung trivial zu sein. Sie ist es nicht. Denn die Gründe, weshalb sie einst originell war, gibt es immer noch. Nach wie vor liegt der allgemeine Focus stark auf den Schwächen – und unser Gehirn kann sich ohnehin nicht binnen einer Generation umpolen.

Das Genie-Prinzip

Dazu kommt: Wenn ich irgendwo mittelmäßig begabt bin, aber richtig viel übe, bringe ich es vielleicht zu sehr guten Leistungen. Hätte ich da geübt, wo ich wirklich begabt bin, hätte es zu hervorragenden Leistungen gereicht. Und das Üben wäre leichter gefallen. Der Weg zu wahrhaft großen Leistungen führt daher immer über die Stärken.

Berechtigte Einwände

Nun hätten Sie völlig recht, einzuwenden: “Es ist schwierig, Talent vorab zu bestimmen.” Und: “Vieles ist möglich, zuweilen richtige Wandlungen”. Und: “An den eigenen Schwächen arbeiten, kann sich richtig lohnen. Und neue Welten erschließen.” Alles klar, so ist es, ich stimme zu. Widerspricht sich nicht. Dennoch erfordern die Kontraste, alle Argumente zu ordnen – was ich nun versuche.

Ordnung der Argumente

Erstens: Die Talentforschung spricht von der “Flaschenhalstheorie” und vom “Zielgerichteten Üben”. Ersteres meint: Wenn ich ein erforderliches Maß an Talent besitze, bringt ein Überschuss nichts mehr. Der Rest ist üben. Zweiteres: Nur zielgerichtetes üben hilft weiter.
Zweitens: Angesichts der weitverbreiteten Miesmacher-Tendenz ist die Konzentration auf die Stärken klar begründbar. Das passt auch im Hinblick auf die Flaschenhalstheorie.
Drittens: Es geht offensichtlich auch um Zeitpunkte. Beispielsweise wird aus mir kein hervorragender Musiker mehr – zu spät. Wenn Sie, Svenja Hofert, ihre Stärken – Schreiben, originell denken … – entwickelt haben, mag Ihnen (zu diesem Zeitpunkt und auf dieser Basis!) die Arbeit an den Schwächen weiter helfen. Allgemein: Wer seinen Heimathafen gefunden hat, kann von dort auslaufen und unbekannte Länder entdecken. Wer sich irgendwo auf dem Meer umher irrt und nicht recht weiß, wo er hingehört, sollte sich erstmal auf seinen Heimathafen besinnen. Und bei der Suche danach, folgt er besser Tipps, wie er sein Ziel erreicht, als den nörglerischen Hinweisen, wie nicht.

Stärken stärken mit dem Zornkönig

Übrigens: Bei meinem Ansatz zur Persönlichkeitsentwicklung per Ärger funktioniert das so. Sie focusieren auf das, was Sie ärgert. Diesen Ärger interpretieren Sie als Schwäche (denn Gleichmut wäre durchaus souveräner). Und dann entdecken Sie die Stärke dahinter – denn Ihre Schwäche ist eine ehemalige Stärke, mit der Sie es übertrieben haben. Ergebnis: Sie können nun die schädliche Übertreibung zurückbauen. Damit verlieren Sie eine Schwäche und gewinnen eine Stärke – beides in einem. Schick, was?

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2 Kommentare Kommentar schreiben

  1. Bravo, Kollege, eine sehr schöne und interessante Ergänzung. Natürlich ist es wichtig, sich auf vorhandene Stärken zu konzentrieren. Aber: Talent fängt eben auch mit der Entscheidung an, sich auf etwas zu konzentrieren – Kämpfernaturen entwickeln z.B. Stärken aus dem “Jetzt erst recht”. Es kann sein, dass so Talent mit einer “Schwäche” beginnt. Aber: d´accord, macht es keinen Sinn sich auf alle Baustellen zu stürzen. Wir als alte Hasen haben nicht mehr soooo viel Zeit. Natürlich machen wir da nur sinnvolle Baustellen auf: Auch ich würde jetzt nicht an meiner Zukunft als Konzertpianistin arbeiten wollen. Vergebene Liebesmüh ;-) Aber es macht durchaus Sinn an Punkten zu arbeiten, wo man noch nicht ganz so gut ist und die das Profil sinnvoll ergänzen. liebe Grüße Svenja Hofert

    • admin #

      Hallo Frau Hofert, danke für Ihren Kommentar. Die Selbststeuerung dürfte ein wichtiges – wenn nicht das – Geheimnis sein. Wenn z.B. ein Mensch einfach den unbändigen Willen zu etwas in sich spürt, wird (und soll) er seinen Weg gehen. Dann kommt vielleich nicht das dabei heraus, was sich andere denken. Aber genau darum geht es nicht mehr.
      Genial passt es, wenn man sich Anregungen von anderen dazu holt.
      Schöne Grüße, Christoph Burger

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Ausgezeichnet mit dem Roten Reiter (Managementbuch 2012):

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